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Rezension: Belletristik : Soll man Amerikanern Gedichte vorlesen?

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Sergej Jessenin, der Hooligan der russischen Literatur, in einer neuen Werkausgabe / Von Karla Schneider

          In Rjasan haben die Pilze Augen; du ißt sie, und sie schauen dir dabei zu" - ein russisches Sprichwort, anspielend auf das Pfiffige, Smarte, mit allen Wassern Gewaschene jener, die in diesem Gouvernement geboren sind. Als der neunzehnjährige Sergej Jessenin im März des Jahres 1915 in Petrograd eintraf, muß er sich auf seine Rjasaner Bauernschläue verlassen haben, die ihm riet, als treuherziger Jüngling, frisch vom Dorfe, aufzutreten, in Knitterstiefeln und blauem Muschikpaletot, die Taschen voller Gedichte. Gleich vom Bahnhof aus fuhr er zum berühmtesten Dichter der Stadt, zu Alexander Blok, der das Naturtalent mit seiner für einen Anfänger verblüffenden stilistischen Selbstsicherheit entsprechenden Kollegen weiterempfahl.

          Es dauerte keine Woche, und Jessenin war in "Piter", der verwöhnten Hauptstadt, die Attraktion der Salons. Er las bei Veranstaltungen der Akmeisten (die sich gerade von den Symbolisten abgespalten hatten), wurde in Zeitschriften veröffentlicht. Der nachhaltige Eindruck seines goldlockigen Charmes ist noch unvergessen, als er den Besuch im Herbst wiederholt, und er kultiviert die so erfolgreiche Rolle des Dorfpoeten, der auf Verlangen auch tanzt und Tschastuschki singt, nun erst recht. Vieles von dieser Iwanuschka-Rolle ist Attitüde, kommt er doch keineswegs direkt aus der großväterlichen Hütte in die Metropole getapst.

          Immerhin hatte er drei Jahre in einem geistlichen Lehrerseminar verbracht, ein kurzes Gastspiel als Expedient einer Moskauer Druckerei hinter sich, wo er durch betont modische Kleidung auffiel, zudem hatte er in Abendvorlesungen der Schanjawski-Volkshochschule Geschichte und Philosophie gehört. Nein, unbedarft war er wahrhaftig nicht, eigentlich auch nicht mehr ungebunden, wartete doch in Moskau eine Gefährtin auf ihn, die Mutter seines ersten Sohnes. Sowenig er indes ohne Frauen leben konnte, so wenig konnte er es mit ihnen längere Zeit aushalten. Verantwortung quälte ihn nie; nie würde je etwas anderes für ihn zählen als seine Berufung zur Poesie und der wahnsinnig ersehnte Weltruhm, das "Bronzedenkmal".

          Begeistert willkommen geheißen, nutzte er das Vierteljahr bis zu seiner Einberufung, um endgültig zum Liebling der literarischen Hautevolee Petrograds aufzusteigen. Augenzeugen schildern die Erscheinung des Zwanzigjährigen als die eines Helden aus einer Märchenoper, bald in rosaseidener, bald in hellblauer Bluse, in Samthosen und Saffianstiefeln, mit aufgedrehten Locken und gerougeten Apfelwangen, ein Kornblumensträußchen aus Papier in der Hand. Seine Ausstrahlung muß unwiderstehlich gewesen sein. Mehrfach wird das Epitheton "frühlingshaft" gebraucht. Immer und jederzeit wußte er, welche Register zu ziehen waren, um sich jemanden gewogen zu machen. "Im allgemeinen liebt man für Liebe", schrieb später sein engster Freund Anatoli Marienhof. "Jessenin hat niemanden geliebt, und alle liebten Jessenin."

          So auch der Bauerndichter und Altgläubige Kljujew, der den lockenschüttelnden Jüngling unter seine Fittiche nimmt und beeinflußt, der ihn schwärmerisch "meine weiße Taube" und "Waldheckenrose" nennt und nur noch mit ihm gemeinsam auftritt. Auf den Soireen der literarischen Gesellschaften liest Jessenin Verse von ungewöhnlichem Klang und ungekünstelter Innigkeit, voll bestrickender Bilder und aufrichtig-beschwörender Liebe zum einzigen, was ihm - neben dem Ruhm - am Herzen liegt: Wiesennebel und Ebereschenglut, Ahorn und Birken (für die immer neue Metaphern zu finden er nie müde wird), einsame Landstraßen und Dorfteiche im Mondschein - die Landschaft eines verurteilten Paradieses.

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