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Rezension: Belletristik : Soldaten von Salamis

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Manche Romane erzählen ihren Stoff so, wie man Konserven aufbaut: ein Ding nach dem anderen, bis die Sache halbwegs in der Reihe steht. Noch heute beherrscht die realistische Erzählweise, eine Errungenschaft der bürgerlichen Epoche, die Szenerie, und immer wieder hat sie gewichtige Themen wie Krieg oder Revolution vor sich her gerollt.

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          MADRID, im August

          Manche Romane erzählen ihren Stoff so, wie man Konserven aufbaut: ein Ding nach dem anderen, bis die Sache halbwegs in der Reihe steht. Noch heute beherrscht die realistische Erzählweise, eine Errungenschaft der bürgerlichen Epoche, die Szenerie, und immer wieder hat sie gewichtige Themen wie Krieg oder Revolution vor sich her gerollt. Die brikettschweren Werke von Leon Uris, um das untere Ende der Skala nicht zu vergessen, haben mit dürftigstem Kunstwillen die Befreiungskämpfe dieser Welt in Millionen von Haushalten getragen.

          Für anspruchsvollere Gemüter war diese Form jedoch längst so passé wie der politisch-historische Roman selbst. Die literarischen Modernisten von Virginia Woolf bis zu Heimito von Doderer hatten die voraussetzungslose Gutgläubigkeit durch hohes Formbewußtsein und raffinierte Verrätselungsstrategien erledigt. Sie stellten den Erzählvorgang selbst unter Verdacht und versuchten zu zeigen, welcher Zusammenhang zwischen dem Stoff und seiner Darstellungsweise besteht. Und dieser Zusammenhang war, wie so vieles in der Kunst, oft kompliziert.

          Einer der leuchtenden Vertreter der amerikanischen Moderne, William Faulkners Roman "Absalom, Absalom!" (1936), spiegelt das erkenntnistheoretische Problem, das sich die Figuren des Romans stellen, so wirkungsvoll in der Erzählform, daß uns am Ende der Kopf summt. Was, so fragen wir uns, ist auf den Buchseiten wirklich geschehen? Wir blättern zurück, halten die Einzelteile prüfend nebeneinander und tun genau das, was Faulkner mit seinen unerhörten Bandwurmsätzen wohl anstrebte, nämlich daß wir den Zusammenhang zwischen Rekonstruktion und Erfindung erkennen. Daß wir begreifen: Ob Landesgeschichte oder private Geschichte, die Versuche der Entschlüsselung überziehen die fernen Ereignisse mit einem Gewebe aus Mutmaßung und Fiktion, das meist aus der Hand der Deuter stammt. Diese Erkenntnis verbindet sich in der Phantasie untrennbar mit der Erinnerung an die Stunden, die es gekostet hat, den Roman "Absalom, Absalom!" zu durchpflügen.

          Doch auf Faulkner ist längst der Staub der Bibliotheken gefallen. Zu lang, zu mühsam, denken jüngere Leser, wenn sie den Meister nicht gerade im Literaturseminar durchnehmen. Und selbst an den Universitäten müssen sich die Dozenten wohl einiges einfallen lassen, um diesen kapitalen Schriftsteller, der die internationale Autorenschar von Camus bis García Márquez das Staunen gelehrt hat, den Studenten zu "vermitteln".

          Die heutige Zeit wählt ein anderes Förmchen. Unter dem Dach des gehobenen literarischen Romans ist Platz für alles, auch das abseitigste Schicksal der politischen Zeitläufte. Gerade daß es abseitig oder noch nie dargestellt worden ist, verleiht ihm in einer Epoche "dezentrierender" Sichtweisen seine Würde. Vor dem bloßen Umstand des Außergewöhnlichen verblaßt auch die Unterscheidung zwischen tatsächlicher und erfundener Geschichte. Die Diskussionen, die Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" und Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang" ausgelöst haben, machen eine Schlußfolgerung unabweisbar: Zustimmung oder Ablehnung hängen weniger davon ab, wie jemand eine Geschichte erzählt und was sie ästhetisch taugt. Sondern davon, wie der Autor heißt und wann und warum er sein Thema wählt.

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