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Rezension: Belletristik : Sofern die Winde wehen

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Diamandis, neunzehn Jahre alt und nautischer Assistent auf dem griechischen Frachter "Pytheas", hat an seinem Körper etwas Beunruhigendes entdeckt. "Unten . . . ist wie'n Pickel, klein, tut nicht weh." Nikolas, der Funker, schaut es sich an und weiß sofort Diagnose und Interims-Therapie: "Tu Watte mit Salzwasser drauf.

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          Diamandis, neunzehn Jahre alt und nautischer Assistent auf dem griechischen Frachter "Pytheas", hat an seinem Körper etwas Beunruhigendes entdeckt. "Unten . . . ist wie'n Pickel, klein, tut nicht weh." Nikolas, der Funker, schaut es sich an und weiß sofort Diagnose und Interims-Therapie: "Tu Watte mit Salzwasser drauf. Wenn wir den Hafen erreichen, sofort zum Arzt. Ist nichts Ungewöhnliches." Solch kleinen Pickel haben die älteren Seeleute auf der "Pytheas" alle schon vor Jahren an sich wahrgenommen und die Ärzte für venerische Krankheiten im nächsten Hafen den dann als Symptom der Syphilis erklärt und dagegen seit einiger Zeit Penicillin verabreicht. Vorher gab's die Quecksilberkur.

          Danach ist dann keinem etwa die Nase verfault, wie die Lehrbücher es für die nicht behandelte Syphilis androhen, aber so richtig austherapiert fühlen sie sich deshalb noch lange nicht. Sie begeben sich gleichwohl weiter in Konstellationen, die gehäuft die kleinen Pickel generieren, weil Männer gewöhnlich Frauen suchen, die Hafenstädte voll von entsprechenden Angeboten sind und die Ehefrauen, so vorhanden, weit entfernt und womöglich oder erwiesen untreu.

          Ob das Sprechen über Diamandis' Ansteckung ein Dammbruch war oder auch schon vorher das Thema in den langen Stunden während der Wache, kann nicht entschieden werden - es gibt ja auch die Vermutung, daß Männer unter sich sowieso meist über den potentiellen oder realen Umgang mit abwesenden Frauen sprechen -, die Männer hier haben jedenfalls Zeit. Ihr Zielhafen mit Waffen für den Bürgerkrieg in China ist Shantou, der in Algier kontrahierte Pickel wurde in der Höhe von Singapur entdeckt, und die Pytheas schafft sieben Knoten in der Stunde - bei ruhigem Wetter, das hier selten gegeben ist. Jerasimos, der Steuermann, und Nikolas, der Funker, die waren vor achtzehn Jahren einmal zusammen am Golf bei schwarzen Frauen, das war eher exotisch, und Panajis, jetzt der 2. Offizier, war vor Jahrzehnten bei einer Aleutin. Das war eher bizarr, weil er nie wußte, wie lange sie noch allein bleiben würden, denn der jeweils nächste Schlitten, der sich durch Glockengeläut ankündigte, konnte den Gatten der Dame mit sich bringen, und die mußte sich erst zeitaufwendig aus ungeahnt vielen Bekleidungsschichten schälen und obendrein hochfrequent zwei immer wieder schreiende Kleinstkinder in ihren Hängematten besänftigen.

          Auch aus den Bordells rund ums Mittelmeer, in Beirut, Alexandria und Marseille, gibt es genug zu erzählen, von patenten Puffmüttern, anbetungswürdigen Damen wie auch von Mädchen, die plötzlich weg waren. Dabei fallen durchaus sexistisch anmutende Kernsätze wie "Frauen haben von der Hüfte abwärts keine Heimat" und "Hauptsache, da sind rote Lichter", aber der Eindruck täuscht, denn es sind alles andere als selbstbewußte Sexprotze, die hier erzählen, eher melancholische milde Machos auf schwankendem Grund. "Du fährst auf dem Meer, weil du dich vor dem Festland fürchtest. Du schläfst mit Prostituierten, weil du feige bist", sinniert Funker Nikos im Mittelteil des Buches in der Ich-Form, durch allerlei Drogen in verschärfte Introspektion katapultiert.

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