https://www.faz.net/-gr3-6q6n5

Rezension: Belletristik : Sisyphos zieht in den Krieg

  • Aktualisiert am

Ein vorläufiger Abschied von Licht und Schatten: Albert Camus und sein Versuch über das Absurde in einer neuen Übersetzung

          8 Min.

          Es gebe nur ein wirklich ernstes Problem, und das sei der Selbstmord. Mit diesem Satz beginnt ein berühmtes Buch, "Der Mythos von Sisyphos". Es wurde im Krieg geschrieben und in Paris, das von deutschen Truppen besetzt war, veröffentlicht. Der Autor hieß Albert Camus. Er hatte schon auf sich aufmerksam gemacht, nur wenige Monate vorher war sein Roman "Der Fremde" erschienen. Dieses Buch sei, so bemerkte Roland Barthes, "ein gesellschaftliches Ereignis" gewesen. Man habe sich mit diesem Roman verbunden gefühlt "wie mit einem dieser vollkommenen und bedeutungsvollen Werke, die an gewissen Wendepunkten der Geschichte auftauchen und einen Bruch, eine neue Empfindungsfähigkeit bekunden". Als wenige Monate darauf "Der Mythos von Sisyphos" vorlag, erklärte Jean-Paul Sartre, es handele sich hier um eine "Theorie des absurden Romans", ein argumentierendes Nachspiel zum "Fremden".

          Im "Mythos von Sisyphos" ging es darum herauszufinden, was es bedeute, ein Leben ohne Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft, ohne ewige Wahrheiten und Illusionen zu führen. Ein Sprung in eine rettende Einheit mit der Welt, ob im Lebensplan, in den ideologischen Zielen einer politischen Partei oder im Glauben an einen Weltenlenker, war in den Augen von Camus ein Verrat an der Lebenserfahrung. Er suchte unmittelbare Wahrheiten, eindeutige Grunderfahrungen, von denen man nicht absehen konnte, wollte man sich nicht selbst betrügen. Das Gefühl des Absurden, des unauflösbaren Zwiespalts zwischen der Sehnsucht des Menschen und den Grenzen des Lebens, war eine solche Gewißheit des Herzens. "Aber ich habe mit Ideen oder mit der Ewigkeit nichts zu schaffen. Die Wahrheiten, die mir entsprechen, kann ich mit Händen greifen." Das Wissen um das Absurde gebot, die Auflehnung, die Freiheit und die Leidenschaft zu wählen. Camus erarbeitete sich eine "Lebensregel". Er verwarf die Vorstellung, zu Lasten der Gegenwart einen Wechsel auf die Zukunft auszustellen: "Sein Leben, seine Auflehnung und seine Freiheit so stark wie möglich empfinden, das heißt: so intensiv wie möglich leben."

          Im Jahr 1960 hat Günther Rühle in seinem Nachruf auf Albert Camus beschrieben, welche Bedeutung diesem Buch in den fünfziger Jahren in Deutschland zukam. Camus habe den Mythos von Sisyphos, "dem sich stets vergebens Mühenden, zu unserem Spiegel gemacht: Da war der vom Glauben an Gott und Fortschritt leergebrannte Mensch, der lächelnd die Sinnlosigkeit seines Daseins ertrug . . . Es traf uns als Sinnbild in den hoffnungslosen Jahren nach der Katastrophe. Die Gedanken aus der Résistance schlugen nach Deutschland zurück. Sie erwiesen sich als mächtiger als die deutschen Uniformen." Karl Korn erklärte in seinem Nachruf auf Albert Camus, "der moderne Mensch" müsse in diesem Buch von Sisyphos "eine der dichtesten Darstellungen des Verlustes der Innerlichkeit, seit Gott tot ist", erkennen. Camus lege "die menschliche Existenz als die schlechthin vergebliche" aus. Drei Jahre früher, im Oktober 1957, als Camus den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, verstand Karl Korn vor dem Hintergrund "unserer Lage, die durch Einsicht und Verzicht, durch Wissen und Fatalismus zugleich gekennzeichnet ist", Sisyphos "als eine treffende Figur, als ein Sinnbild unserer selbst".

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vorbereitung einer Infusion.

          Künstliche Antikörper : Wer bekommt Spahns Covid-Prophylaxe?

          200.000 hochgradig gefährdete Bundesbürger sollen die „passive Impfung“ erhalten, für die die Regierung viel Geld in die Hand genommen hat. Die Antikörper helfen – allerdings nur vorbeugend, wenn die Infizierten noch nicht krank sind. Wer also bekommt sie?
          Gerd Winner, No, 1983, Mischtechnik auf Leinwand

          F.A.Z. exklusiv : Huber und Dabrock gegen assistierten professionellen Suizid

          Evangelische Theologen haben für einen professionell assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen plädiert. Das darf niemandem gleichgültig sein, dem an der öffentlichen Präsenz des Christentums gelegen ist. Ein Gastbeitrag.
          Wohl dem, der zu Hause ein sonniges grünes Plätzchen hat. Eine Horizonterweiterung kann, mit dem richtigen Buch, auch dort stattfinden.

          Zukunft des Tourismus : Über Leben ohne Reisen

          Was passiert mit uns, wenn wir nicht reisen? Die Zukunftsforscher Horst Opaschowski und Matthias Horx über Langeweile, Horizonterweiterung und die Frage, wie unser Urlaub nach der Pandemie aussehen wird.

          Gorman-Übersetzung für F.A.Z. : Gütig, aber mutig, wild und frei

          Ihr Gedicht bewegte nicht nur Amerikaner: Amanda Gormans „The Hill We Climb“ steht in der Tradition von amerikanischem Rap und Slam Poetry und ist schwierig zu übersetzen. Wir veröffentlichen zwei für die F.A.Z. angefertigte Übertragungen ins Deutsche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.