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Rezension: Belletristik : Sisyphos zieht in den Krieg

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Mitten im Krieg aber suchte Camus eine Grundfigur für den Menschen, der sich den Anforderungen der Zeit nicht entzog und ohne Aufbegehren die Aufgabe erfüllte, den Stein unermüdlich den Berg hinaufzuwälzen. In sein Tagebuch schrieb Camus 1939: "Der Krieg ist ausgebrochen. Wo ist der Krieg? Wo können wir, abgesehen von den Nachrichten, die wir glauben, von den Anschlägen, die wir lesen sollen, die Zeichen dieses absurden Ereignisses wahrnehmen? . . . Man möchte an ihn glauben. Man möchte sein Antlitz erkennen, aber er läßt sich nicht fassen." Der Krieg sei, heißt es weiter, "in dieser fürchterlichen Einsamkeit des Kämpfenden und des nicht Kämpfenden, in dieser demütigenden Verzweiflung, die allen gemeinsam ist, und in jeder Erniedrigung . . ." Camus meldete sich freiwillig zum Militärdienst, wurde aber wegen seiner schlechten körperlichen Konstitution vom Dienst an der Waffe freigestellt.

Ganz anders als Karl Korn und Günther Rühle las Ende der sechziger Jahre Karl Heinz Bohrer, der Freund aller ästhetischen Schrecken, Albert Camus in einer Rezension der Tagebücher von Januar 1942 bis März 1951. Er sah in ihm, vor allem im Tagebuchschreiber, einen "Unzeitgemäßen", der von der grassierenden Moderne sagte, sie sei ein Krebs und "zerfrißt auch mich". Camus zeige hier die Züge eines melancholischen konservativen Kulturkritikers, der den Pariser Schriftstellern vorwarf, sie hätten "keine Ahnung von der Natur" und besäßen keine "Grundwahrheiten". Camus habe, so Bohrer, in den fünfziger Jahren den "erhabenen, monologischen Stil aufgegeben und seine Ästhetik zu einer Ästhetik der individuellen Revolte formuliert". Vom "Mythos von Sisyphos" als einem Buch über den Krieg, dem mit "Der Fremde" die Geschichte über einen Mörder unter der Sonne vorausgegangen war, ist leider auch hier die Rede nicht gewesen.

Das Pathos des "Mythos von Sisyphos" soll ihm Schwere geben, Bodenhaftung. Camus zieht direkte Linien von Gedanken zu Erfahrungen, von Ideen zum Alltag. Er scheint fest davon überzeugt zu sein, daß es intellektuelle Gewißheiten gibt, auf die man bauen kann, Gewißheiten, die seinen Erfahrungen in Frankreich, in Paris entsprechen. Spät erst hat er diese Suche als einen Verrat an seiner Heimat und seiner Herkunft verstanden. "Müßte ich sterben, von der Welt vergessen, in der Tiefe eines kalten Kerkers, würde das Meer im letzten Augenblick meine Zelle ausfüllen, mich über sich selbst hinausheben und mir helfen, ohne Haß zu sterben", lautet ein Eintrag im Tagebuch, März im Jahr 1951. Im "Mythos von Sisyphos" suchte jemand in der modernen Welt der Gedanken und Überzeugungen, was ihm Licht und Schatten in der verlassenen alten Lebenswelt waren. "Der Mythos von Sisyphos" ist ein Buch über diese Irritation, die zu überwinden Camus einen Ton fand, der den Alltagserfahrungen ihr philosophisches, und das heißt im Falle Camus', ihr individuelles Recht zurückgeben sollte. Das bedeutete mehr. Camus konnte hier seine intellektuellen Erfahrungen zum legitimen Ausgangspunkt einer Standortbestimmung innerhalb einer fremden Gesellschaft erklären, in der Krieg herrschte.

Man muß den "Mythos von Sisyphos" als eine rasch überholte Etappe der Selbstvergewisserung oder als Antwort auf den Krieg zu lesen lernen, nicht als einen philosophischen Klassiker. Man sollte dieses Buch vor allem wegen seines Tons lesen, der vermessen und demütig zugleich ist. Es bleibt ein befremdlicher Versuch, eine Verstörung vielleicht sogar. Je näher es seiner Entstehungszeit gerückt wird, je enger es in die Lebensgeschichte von Camus hineingeflochten wird, um so deutlicher wird man erkennen, daß die Figur des Sisyphos ein Holzschnitt ist, hergestellt von einem, der genügend Ausdruckskraft besaß, um bleibende Figuren in den Sand zu zeichnen. EBERHARD RATHGEB

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