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Rezension: Belletristik : Sisyphos zieht in den Krieg

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Die deutsche Übersetzung des "Mythos von Sisyphos" erschien 1950 im Karl Rauch Verlag. Neun Jahre darauf übernahm sie der Rowohlt Verlag für eine Taschenbuchausgabe in der von Ernesto Grassi herausgegebenen Reihe "rowohlts deutsche enzyklopädie". Das Bändchen wurde in dieser Ausgabe in den ersten fünfzehn Jahren rund zweihunderttausendmal verkauft. Wie bei den Büchern dieser Reihe üblich, so gab es auch im "Mythos" ein enzyklopädisches Stichwort. Die Religionsphilosophin Liselotte Richter hatte es geschrieben und in ihren abschließenden Bemerkungen der Hoffnung Ausdruck gegeben, Camus werde es gelingen, "durch das Skandalon seines Absurden den Spießer und Manager unseres Übergangszeitalters emporzuschrecken und ihm die Abgründe unseres Daseins in Sinnlosigkeit und Widerspruch zu zeigen. Die Konfrontierung mit dem Tod als der großen Entscheidungsfrage, die der Mensch sich immer wieder zudecken möchte in der Lawine seiner Geschäftigkeit, ist die konzentrierteste Form der Begegnung mit dem Absurden."

Nun liegt eine neue Übersetzung des Buches vor. Auf den ersten Blick fällt auf, daß nicht nur das alte Nachwort von Liselotte Richter fehlt. Es wurden auch alle Zwischenüberschriften fortgelassen, mit denen die deutsche Übersetzung in der Rowohltausgabe, über das Original hinausgehend, den Gedankenlauf unterbrochen hatte. Zwischen den Kapiteln "Die absurden Mauern" und "Der philosophische Selbstmord", um nur ein Beispiel zu nehmen, erstreckt sich ein Text von rund zwanzig Seiten. In der Ausgabe in "rowohlts deutscher enzyklopädie" hatte man diesen Text mit den Kolumnentiteln "Das Klima der Absurdität", "Verfremdung", "Die blutige Mathematik, die über uns herrscht", "Bedürfnis nach Klarheit", "Heimweh und Unwissenheit", "Auch das Denken führt nicht weiter", "Das Absurde als Leidenschaft", "Der Angriff gegen die Vernunft", "Heidegger", "Jaspers", "Schestow", "Kierkegaard", "Husserl und die Phänomenologen" versehen. Das Klima eines Buches verändert sich durch solche kleinen Eingriffe. Aus einer vor allem wegen des angeschlagenen Tons überraschenden Darstellung wurde ein, wie es im damaligen Untertitel hieß, philosophischer Essay, ein "Versuch über das Absurde". Die neue Übersetzung vermeidet Wörter, die aus dem engen Umkreis des Existentialismus kommen. Sie betont den entschiedenen, vorwärtsdrängenden Stil des Textes. Aus einem Klassiker des verallgemeinerbaren philosophischen Nachdenkens wird wieder ein Essay, eine persönliche intellektuelle Standortbestimmung.

Als vor fünf Jahren Camus' letztes Buch "Der erste Mensch" von seiner Tochter herausgegeben wurde, zeichnete sich sofort ab, daß man im Lichte dieses nicht abgeschlossenen Spätwerkes Camus' Bücher anders würde lesen können. Die Zeitschrift "L'Evénement du Jeudi" behauptete sogar, daß alle Biographien über Camus "korrigiert" werden müßten, alle ihm gewidmeten Studien "lückenhaft bis falsch" seien, nun, da man mit "Der erste Mensch" Camus' "Alpha und Omega", "Ausgangspunkt und Vollendung" besitze. Aber auch die Tagebücher konnten einen lehren, daß Leben und Reflexion bei Camus dichter miteinander verwoben waren, als man das vorher, vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit, annehmen mochte. Man wird nicht vergessen dürfen, daß Camus in frühen Jahren, er war siebzehn, eine Lungentuberkulose diagnostiziert wurde. In "Der erste Mensch" schrieb er: "Jugend. Seine Lebenskraft, sein Glaube an das Leben. Aber er spuckt Blut. Das Leben würde also das sein, das Krankenhaus, der Tod, die Einsamkeit, diese Absurdität. Daher die Zersplitterung. Und ganz tief in seinem Innern: nein, nein, das Leben ist etwas anderes."

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