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Rezension: Belletristik : Sinn der Sinnlichkeit

  • Aktualisiert am

Michael Köhlmeier weckt Kalypso Von Wulf Segebrecht

          3 Min.

          Mehr als sieben Jahre der berühmten Irrfahrten des Odysseus verliefen ziemlich unspektakulär. Das ist die Zeit, die er bei der göttlich schönen Nymphe Kalypso auf der Insel Ogygia verbrachte. Homer sagt darüber nicht viel. Nur vergleichsweise wenigen, allerdings zentralen Versen der "Odyssee" ist zu entnehmen, daß Kalypso den Helden von Troja auf ihrer Insel deshalb so lange festhielt, weil sie ihn als Mann und als Erzähler ganz und für immer genießen wollte. Die Götter selbst müssen schließlich eingreifen, um diesem Verhältnis ein Ende zu setzen, wozu um so mehr Veranlassung besteht, als Odysseus bei allem Glück über die reizende Kalypso das Ziel seiner Heimkehr nach Ithaka, zu seiner Gemahlin Penelope und seinem Sohn Telemachos, nicht aus den Augen verliert.

          Was geschah in diesen sieben langen Jahren eigentlich? Köhlmeiers kurze, aber breit ausgemalte Antwort ist zunächst: Kalypso und Odysseus trieben es miteinander, in allen möglichen Positionen und Variationen. Das füllte, sagt Köhlmeier, ihre Tage und Nächte aus. Gut und schön. Damit war, nach Lage der Dinge, zu rechnen. Aber ist damit wirklich schon alles gesagt?

          Köhlmeier ist ein mit allen Wassern gewaschener Unterhaltungsschriftsteller von hohem Niveau. Er bringt vor allem das Kunststück fertig, diese alte Liebesgeschichte ganz und gar zu vergegenwärtigen, ohne ihren mythologischen Kern zu verfehlen. Kalypso geht ins Kino, trinkt Coca-Cola, kauft im Supermarkt, was ihrem Geliebten mundet, und in der Buchhandlung, was ihm sonst zuträglich ist: Comics. Aber diese und andere Aktualisierungen stören die Lektüre nicht im geringsten, sondern vermehren nur den Spaß an ihr. Der Erzähler, oft im etwas altväterlichen Wirton sprechend, Pathetisches und Vulgäres souverän mischend, gibt dem Leser zu erkennen, daß er jederzeit die Perspektive und den Stil wechseln, die Figuren lenken oder sich selbst überlassen, die Zeiten überspringen und sogar seine eigene Rolle als übergeordneter Arrangeur selbstironisch preisgeben kann: "Während wir über sein (des Odysseus) Gesicht Mutmaßungen anstellen, ist er zu den Dünen gegangen."

          Zusätzlich zu dem routinierten und virtuosen Spiel mit den Mitteln und Techniken des Erzählens bringt er auch noch die Instanz der Götter ins Spiel: Sie betrachten argwöhnisch und skeptisch, was sich zwischen Odysseus und Kalypso auf Ogygia tut. Und sie sinnen auf Gegenmaßnahmen: Wie kann Odysseus, dem Kalypso Unsterblichkeit in Aussicht gestellt hat, wieder zur Einsicht in den Wert der Sterblichkeit gebracht werden? Das ist ihre schwierige Frage. Und was tun auch Götter mit so schwierigen Fragen? Sie halten Konferenzen ab, Tagungen und Symposien mit Referaten, Statements und Aktionsprogrammen: Athene und Hermes werden schließlich ausgesandt, um Odysseus wieder auf den rechten Weg zu bringen, den Heimweg. Das Mittel hierzu heißt Mnemosyne: das Gedächtnis, die Erinnerung. Je mehr die Erinnerung an seine Heimat, an den Trojanischen Krieg und an seine Irrfahrten wieder Platz greift, desto schweigsamer wird er, der doch, wie bei Homer, der geborene Erzähler war. Erinnerung, Geschichtsbewußtsein sind quälend, sie machen nicht geschwätzig, sondern einsam.

          "Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen", so hat schon Goethe seine sinnliche Wahrnehmung Roms legitimiert. Die Sinnlichkeit hat auch hier ihren Sinn. Das Greifen nach dem Körper des oder der Geliebten dient zuletzt dem Begreifen der eigenen Bedingtheit, der Sterblichkeit. Die von Köhlmeier gewiß undifferenziert dargestellte Sexualität gibt nur den Vordergrund ab für eine sinnliche Wiederbelebung jener Geschichte, die Homer erzählt hat. Beide, Odysseus und Kalypso, bleiben zuletzt unbefriedigt: Während Odysseus aus der Begegnung mit der Kalypso als ein zwar jederzeit Verführbarer, aber schließlich doch sehnsuchtsvoll nach Heimkehr Verlangender hervorgeht, wird Kalypso durch die Begegnung mit Odysseus zu einer liebestollen, nicht zu sättigenden Hure, die sich die Männer aufgreift, wo sie sie findet: ein nachdenkenswerter Rollentausch.

          Und ein lesenswerter Roman. Keineswegs nur für Altphilologen, die ihre Skepsis allen modischen Aneignungen der Antike gegenüber einem Härtetest unterwerfen wollen, sondern auch für solche Leser, die ihre Lust an den alten Geschichten von den Altphilologen allein nicht befriedigt sehen. Wer allerdings den vorangegangenen Roman von Köhlmeier, "Telemachos", gelesen hat, der könnte enttäuscht sein; denn im Prinzip hat Köhlmeier bereits dort seine ganze Kunst der Vergegenwärtigung Homers mit den gleichen Mitteln und zum Teil auch mit den gleichen Inhalten praktiziert. Die Parallelen zwischen beiden Romanen gehen in jeder Hinsicht sehr weit. Von einer naheliegenden Vollendung der Homer-Revitalisierung Köhlmeiers zur Trilogie, deren dritter Teil dann die Heimkehr des Odysseus zu Penelope darstellen würde, wären wohl kaum noch viele Neuerungen zu erwarten.

          Michael Köhlmeier: "Kalypso". Roman. Piper Verlag, München und Zürich 1997. 445 S., geb., 48,- DM.

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