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Rezension: Belletristik : Sing mir ins Ohr, Blutbißchen

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Schöne, schöne Amerikanerin: Briefe und Gedichte von Ted Hughes / Von Harald Hartung

          6 Min.

          Die nach Meinung der "Times" tragischste literarische Liebesgeschichte unserer Zeit begann im Cambridge der fünfziger Jahre: Sylvia, eine amerikanische Fulbright-Stipendiatin, die mit dem Schreiben begonnen hatte, traf Ted, einen hoffnungsvollen englischen Lyriker. Die beiden hatten neben ihrer Liebe und ihren literarischen Interessen auch ein Faible für das Okkulte, für spiritistische Séancen, vor allem für das Spiel mit dem Ouija-Brett, bei dem ausgeschnittene Buchstaben und ein Weinglas eine Rolle spielen. Bei einem dieser Spiele, so berichtet ein Freund, gestand Ted, er habe bei dem, was die Geister gedichtet hatten, ein wenig nachgeholfen. Das mag auch für die folgenden Verse gelten, die wir jetzt lesen können. Deutsch lauten diese Zeilen so: "Ruhm wird kommen. Ruhm besonders für dich. / Ruhm kommt unausweichlich. Und wenn er kommt, / Wirst du für ihn bezahlt haben mit deinem Glück, / Deinem Mann und deinem Leben."

          Eine finstere Prophezeiung - wenn auch vermutlich eine nachträgliche. Berühmt wurden beide, Sylvia Plath wie Ted Hughes. Die Frau, die sich von ihm, dem Untreuen, getrennt und an einem kalten Februartag 1963, erst dreißigjährig, Selbstmord begangen hatte, gilt heute als eine der großen Dichterinnen unseres Jahrhunderts, dazu als tragische Ikone des Feminismus. Der Mann, der zwar - aus Rücksicht auf die beiden Kinder - das Tagebuch ihres letzten Jahres vernichtet hatte, aber durch Publikation ihres Nachlasses Sylvias postume Karriere erst ermöglichte, bezahlte auf andere Weise für seinen Ruhm: durch Weiterleben, Weiterdichten und - Schweigen zu allerlei Vorwürfen, die in dem Maße zunahmen, wie Sylvias Ruhm wuchs.

          Jetzt, dreieinhalb Jahrzehnte später, hat er das Schweigen über seine Ehe gebrochen und so etwas wie einen Befreiungsschlag geführt. Er tat es nicht als Apologet oder Memoirenschreiber in eigener Sache, sondern als Dichter. Er veröffentlichte seine lyrischen "Birthday Letters". Die "Times" brachte sie quasi als Fortsetzungsroman, die Buchausgabe verkaufte sich über hunderttausendmal, und nun liegen sie auch auf deutsch vor, übersetzt von Andrea Paluch und Robert Habeck. Ted Hughes hat das Erinnerungsgedichtbuch seinen Kindern Frieda und Nicholas gewidmet, wie um ihnen eine Erklärung für das zu liefern, was zum Tod ihrer Mutter führte. Die Lesart des Vaters als Ersatz für das von ihm vernichtete letzte Tagebuch der Mutter.

          In einem dieser meist recht breit angelegten Poeme berichtet, bedichtet Ted Hughes auch jene Szene mit der Alphabettafel, die zu der fürchterlichen Prophezeiung führte; übrigens in einer eigentümlich wertfreien, unironischen Impassibilität. Die 88 Texte von "Birthday Letters" haben trotz vielfacher Anrede der Toten überhaupt etwas Chronikalisches. Sie scheinen weniger auf die Wiederfindung der verlorenen Zeit als auf die Fixierung, ja Dokumentierung des Gewesenen gerichtet, als wären sie Beweisstücke in eigener Sache. Daß der Dichter sich so gut und zweifelsfrei erinnert, mag noch einen anderen Grund haben. Merkwürdig oft nämlich sind es Szenen aus dem gemeinsamen Leben, die uns aus Sylvias Tagebuch, ihren Gedichten und Storys oder den Berichten von Freunden bekannt sind. Und nicht immer fällt ein Vergleich zu Ted Hughes' Vorteil aus.

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