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Rezension: Belletristik : Sind so kleine Köpfe

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Nicht rezeptpflichtig: Sibylle Bergs Debüt

          Man darf Romane nicht an ihren Klappentexten messen und Debüts schon gar nicht. Aber wenn der Reclam Verlag Leipzig Sibylle Bergs ersten Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" mit dem abgewandelten Werbespruch für ein altbekanntes Mittel gegen Kopfschmerzen anpreist, wird man doch aufmerksam: "Deutsche Gegenwartsliteratur? Wir wissen nicht, was andere Verlage empfehlen. Wir empfehlen: Frau Berg". Es ist vielleicht nicht gerade geschickt, auf den Zusammenhang zwischen deutscher Gegenwartsliteratur und stechendem Kopfschmerz hinzuweisen, aber es zeugt doch von einer gewissen Aufrichtigkeit.

          Frau Berg, wenn man dem Verlag Glauben schenken will, eine 1962 in Weimar geborene Tierpräparatorin, die in ihrer Freizeit für Magazine und Frauenzeitschriften schreibt, meint es womöglich gut mit ihren Lesern, aber gewiß nicht mit ihren Romangestalten. Nora und Ruth begehen Selbstmord, Bettina und Tom kommen bei einem Autounfall ums Leben, Helge, Pit, Karl und der namenlose Liebhaber Bettinas sterben eines gewaltsamen, von der Autorin nicht ohne gewisse Anzeichen der Befriedigung geschilderten Todes. Nach einhundertachtzig Seiten hat die Debütantin ihr Personal mit beachtlicher Konsequenz beiseite geschafft. Aber das Mitleid des Lesers hält sich in Grenzen. Er fragt sich allenfalls, warum ausgerechnet Vera überleben darf. Hat Vera das verdient?

          Eigentlich nicht. Denn es gibt keine großen Unterschiede zwischen Vera, der Ehefrau Helges und Mutter Noras, eines magersüchtigen Jung-Zombies, und den anderen Figuren des Romans. Was dieses knappe Dutzend Zeitgenossen eint, was sie so austauschbar erscheinen und so rasch uninteressant werden läßt, ist ihre verstümmelte Sprache, ist das dumpf tönende Selbstmitleid und die Unfähigkeit, einen klaren Gedanken zu fassen. In mehreren Dutzend kurzen Kapiteln, die jeweils die Perspektive einer der Figuren einnehmen, fragen sich Nora und ihre Leidensgefährten, allesamt "anonyme Autisten" auf der Suche nach Liebe, Glück und dem Sinn des Lebens, "ob es Menschen gibt, die sich nicht die meiste Zeit ablenken müssen, um nicht vor Langeweile zu sterben". Sie warten unentwegt auf "irgendein Gefühl", wünschen sich "ein ordentliches Problem" und rätseln, "wie Leben sein soll".

          Aber wie interessant sind junge Menschen, die vom Sattsein so müde sind, daß sie krank aussehen und Zuflucht zu Träumen vom kollektiven Selbstmord der Erdbevölkerung nehmen? In ihren lichten Momenten begreifen sie, daß sie ihr Leben ändern müssen. Zumindest sollten sie rasch an einen anderen Ort fahren, nach Amerika oder Venedig. Oder sich wenigstens etwas Neues zum Anziehen kaufen. Irgendwann stehen sie dann wie Tom an irgendeiner Küste und denken, "das wird immer gleich alles so kompliziert, wenn man denkt".

          Sibylle Berg schildert die neunziger Jahre als die Stunde der schwachen Empfindungen und dürren Worte. Liebe und Leidenschaft, Verzweiflung und Unglück haben nur noch als klägliches Echo früherer Zeiten überdauert. Waren die achtziger Jahre das Jahrzehnt der Gier, das Emotionen als begehrtes, aber knappes Handelsgut entdeckte, so erscheinen die neunziger Jahre als Ära der Gleichgültigkeit, in der alle Ideale zerstört, alle Illusionen geplatzt sind. Und auch von der Sprache ist nicht mehr viel übrig.

          Daß diese knappen, lakonisch bis schnoddrig gehaltenen Skizzen dennoch ein gewisses Vergnügen bereiten, liegt am Witz der Autorin. Sibylle Berg kennt das Milieu, das sie beschreibt, und zuweilen gelingt es ihr, ihre Beobachtungen zu geschlossenen Miniaturen zu formen. So schildert sie etwa Bettinas morgendliche "Bekleidungswahl" als Kampf vor dem Kleiderschrank, der jeden Tag mit einer bitteren Niederlage endet: "Fehlentscheidung. Schlacht verloren. Tag versaut." Die Kette von Niederlagen mündet in die sarkastische Utopie eines Stadtbildes ohne Frauen: "Die sind zu Hause, in dunklen Wohnungen, in schmutzigen Trainingsanzügen. Sie liegen im Bett und gucken Fernsehen. Sie essen Pralinen. Und sie sind sehr, sehr glücklich."

          Aber Sibylle Bergs Stärken benennen auch ihre Grenzen: In den besseren dieser Szenen schreibt sie kolumnenlang im Kolumnenton über Kolumnenthemen: Magersucht und Liebeskummer, Bürofrust und Urlaubsabenteuer. Das mag der Konfektion in Magazinen und Illustrierten weit überlegen sein, aber im Arzneischränkchen der deutschen Gegenwartsliteratur ist es nicht gerade ein Wundermittel.

          Als Christian Kracht vor zwei Jahren in seinem Debütroman "Faserland" die Reise eines zwanzigjährigen Schnösels in der Midlife-crisis durch Deutschland schilderte, konnte man sich fragen, wie interessant Krachts Figuren eigentlich noch wären, wenn sie nicht so schrecklich viel Geld hätten. Sibylle Bergs Debüt knüpft auf gewisse Weise an Krachts Roman an: Es zeigt, daß man auch mit einem durchschnittlichen Einkommen komfortabel verblöden kann. HUBERT SPIEGEL

          Sibylle Berg: "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot". Roman. Reclam Verlag, Leipzig 1997. 180 S., br., 16,- DM.

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