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Rezension: Belletristik : Silberschweine greifen an

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Geschichtlich denken: Lindsey Davis schreibt Krimis aus dem alten Rom / Von Gerhard Schulz

          6 Min.

          Helena Justina, die römische Senatorentochter, und Marcus Didius Falco, Privatdetektiv, zuständig "für alle diskreten Ermittlungen zu billigen Preisen", mögen nicht zu den klassischen Liebespaaren der Weltliteratur gehören. Außerdem weiß man nicht, was ihnen noch bevorsteht. Aber wer sie erst einmal kennengelernt hat, wird ihnen lange gewogen bleiben und ihnen das Schicksal von Dido und Aeneas oder Romeo und Julia wünschen.

          Ja, es gibt wirklich noch Neues auf dem Gebiet des Kriminalromans, obwohl dieser längst seriös geworden ist und mithin in Langweile zu versinken droht, in die ihn die üppige Blüte des "Frauenkrimis" nur noch tiefer hineinzuführen scheint. Denn wenn zum Beispiel eine so ausgepichte Crime-Lady wie Amanda Cross alias Carolyn Heilbrun ihre in einem Dutzend Büchern erprobte akademische Hobbydetektivin Kate Fansler als "Spionin in eigener Sache" - so der Titel des jüngsten Falles - das Vorleben einer Männermörderin erforschen läßt, dann kommt am Ende nur ein ebenso lobenswerter wie öder Traktat über korrekte Gesinnung und gegen sämtliche Übel der Welt heraus.

          Die Helden der alten Schule, die Sherlock Holmes, Jules Maigret, Hercule Poirot und Miss Marple, waren in erster Linie Athleten des Scharfsinns und siegten, weil sie ihre Menschen kannten. Die vielen Kate Fanslers hingegen wollen vor allem gut sein. Das ist zwar unter den Umständen einer gewaltbereiteren Zeit begreiflich, wenn nicht gar wünschenswert, aber der Krimi wird nicht interessant dadurch, denn nicht aus dem Guten, sondern aus dem Spannenden bezieht er sein prinzipielles Daseinsrecht. Mögen durch ihn auch die Ströme der Zeit hindurchspülen, der Lust an ihm bleibt etwas Amoralisches anhaften wie das Rätsellösen, das man nicht um einer besseren Welt willen betreibt. Der ideale Krimi also als Wegwerfliteratur, so wie man dasselbe Rätsel nicht zweimal löst?

          Aber Rätsellösen und das literarische Spiel mit dem Bösen sind immer noch zweierlei. Man sieht es an Falco, der unversehens in den Fall seines Lebens hineingerät, als auf dem Forum Romanum eine unbekannte, sehr attraktive und sehr junge Frau bei ihm Schutz vor zwei Schlägertypen sucht. Es ist der heiße römische Sommer des Jahres 70, Vespasian ist gerade Kaiser geworden, und seine Gegner sind am konspirativen Werk. Trotz Falcos Fürsorge wird die junge Frau bald darauf tot aufgefunden, und der Silberbarren in ihrem Bankfach bleibt verschwunden.

          In kaiserlichem Auftrag wird Falco jedenfalls in die römische Provinz Britannien zu den Bergwerken gehen und dort weitere Silberbarren sowie jene Helena finden, deren Namen er zuerst aus dem Mund der nunmehr Toten gehört hat. Denn wir befinden uns in dem Roman "Silberschweine" von Lindsey Davis, einer literarischen Enkeltochter von Agatha Christie und Verfasserin von sechs Kriminalromanen, aber zugleich offenbar Verräterin an der guten feministischen Sache, indem sie nach so vielen Detektivinnen nun doch wieder einen Mann zum Fahnder erhebt.

          Nur ist eben da außer ihm noch diese Helena Justina, schön, von hoher Gestalt, dunklem Haar, elegant und gebildet, die nach der Scheidung von Pertinax, dem dubiosen Gewürzkaufmann, nach Britannien gegangen ist, um dort außer schlechtem Wetter erst einmal ein wenig Ruhe zu finden. Ihre Wahlsprüche "Helena Justina ist niemandem Rechenschaft schuldig außer sich selbst" und "Ich traue keinem Mann" klingen dem zwanzigsten Jahrhundert vertraut und werden Falco zu schaffen machen, als er sie nach Rom zurückbegleitet und sie sich ihn, den gemieteten Leibwächter, feindselig vom Leibe hält wie andere Männer auch. Aber in Herzenssachen ist vorsätzliche Feindseligkeit kein schlechter Weg zum Gegenteil, und so entwickelt sich denn auf dem Wege zwischen Londinium und der Ewigen Stadt die zarteste und leidenschaftlichste Liebesgeschichte, die je ein Kriminalroman anzubieten hatte, so zart und leidenschaftlich, daß die Mord- und Verschwörergeschichte von den "Silberschweinen" dahinter zeitweilig verblaßt.

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