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Rezension: Belletristik : Silberschweine greifen an

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Dadurch treten Davis' Bücher im Grunde aus dem Genre Kriminalroman heraus. Man kann sie ein zweites Mal lesen, denn erst beim Wiederlesen läßt sich zum Beispiel erkennen, wie sorgfältig diese Helena bereits von den ersten Seiten an in die Textur des Romans verwoben ist. So sind es am Ende auch nicht die kleinen grauen Zellen und der Scharfsinn des Detektivs, sondern es ist die Geschichte von Helena und Falco, die jene sechs Bücher zusammenhält, die Lindsey Davis in den sechs Jahren zwischen 1989 und 1994 geschrieben hat. Fünf Bände stehen inzwischen auch den deutschen Lesern zur Verfügung.

Beträchtliche Schwierigkeiten haben die beiden vor sich, denn zwar gelang das Zusammenfinden von reicher Senatorentochter und armem Privatdetektiv, aber das Zusammenbleiben machen Standesdünkel, Falcos ebenso unvorteilhaftes wie unerschütterliches Republikanertum und die vierhunderttausend Sesterzen schwierig, die Falco braucht, um sich in den nächsthöheren Stand einzukaufen, der ihm die Ehe mit Helena erlaubte. Vor allem aber stand den beiden die Autorin selbst im Weg, als sie sich entschloß, mehr als nur einen Roman über das liebende Paar zu schreiben.

Gut zu beobachten ist hier, was Schriftsteller überhaupt gern von ihren Geschöpfen behaupten, nämlich daß sie ihnen entwachsen und nicht mehr mit sich anstellen lassen, was man gerade möchte. Denn darf Lindsey Davis nun wirklich Falco das große Geld finden lassen, damit er Helena heiraten kann? Die Ehe eines Detektivs ist kein Hauptthema für einen Kriminalroman, aber ein Auseinandergehen der beiden ist auch nicht mehr möglich. Unter den Händen der Verfasserin verflüchtigen sich deshalb die nötigen Sesterzen von Buch zu Buch. Groß dürfte für sie sogar die Versuchung sein zu kneifen, das heißt, die beiden einfach sich selbst und der Phantasie ihrer Leser zu überlassen und statt dessen Krimis aus der Londoner Gegenwart zu schreiben, wie Lindsey Davis es tatsächlich jüngst getan hat. Aber darf sie das? Gibt es nicht auch so etwas wie eine Fürsorgepflicht für Kinder der Phantasie?

Lindsey Davis hat mit diesen Romanen ihren Einstand in die englische Literatur gegeben. Aus dem vergangenen Jahr stammt von ihr die Erklärung: "Ich bin vierzig, alleinstehend und kinderlos. Ich habe eine Wohnung mit Ameisen im Dachstuhl, Hypothek und Feuchtigkeit in den Wänden." Vermutlich ließen sich dort Milieustudien für das alte Rom treiben. Daß ihre Romane - zumindest in der angelsächsischen Welt - erfolgreich waren, überrascht nicht, denn sie besitzen all das, was englischem Erzählen in seiner besten Art zu eigen ist: Humor, Intelligenz, Menschen- und Lebenserfahrung und daneben auch praktische Kenntnis der Spielregeln des literarischen Marktes, denn für den Erfolg gerade dieser Sorte Literatur ist die rasche Folge von Titeln nötig: Der einmal geschlossene Freundschaftspakt bedarf der Pflege.

In den weiteren Abenteuern vermengen sich Liebe und Politik. Der Kaiser schickt seinen Privatdetektiv auf die Suche nach dem Rest der Verschwörer, wobei Exehemann Pertinax noch einmal brutal eingreift, ehe ihn ein schlimmes Ende ereilt ("Bronzeschatten"). Aber als sie beide endlich ins erste gemeinsame und leider sehr billig gebaute Heim ziehen, stürzt es ihnen über dem Kopf zusammen ("Kupfervenus"). Die Hoffnungen auf den großen Gewinn aus den Spekulationen von Bruder Festus, der im judäischen Feldzug den Heldentod gestorben war (oder war es doch eher Selbstmord der Geschäfte wegen?), werden ebenfalls zunichte ("Poseidons Gold"). Weiter geht es dann auf gemeinsame Reisen nach Germanien ("Eisenhand"), wo Falco sogar jenes Schlachtfeld im Teutoburger Wald entdeckt, das die Deutschen so gern als einen Geburtsort ihrer Nation betrachten. Und schließlich - für deutsche Leser noch unzugänglich - finden sich beide wieder in Kleinasien, beschäftigt mit dem Mord an einem Theaterdichter, denn auch Literatur kann eine lebensgefährliche Sache sein ("Last Act in Palmyra").

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