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Rezension: Belletristik : Silbermöwen machen Lärm

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Und Männer schweigen: Neil Jordans Roman "Nocturno"

          Am Anfang steht der Tod; er verknüpft zwei geographisch und zeitlich weit voneinander entfernte Szenerien. Minutiös und emotionslos schildert der Ich-Erzähler, ein Kriegsgefangener im Spanischen Bürgerkrieg, die Vorbereitungen zur Exekution von Mithäftlingen. Als irischer Staatsbürger, so glaubt er, sei er von diesem Schicksal nicht bedroht. Diesem ersten Schauplatz wird die Erinnerung an seine Kindheit an der heimatlichen Küste entgegengesetzt, der tägliche Weg zum Meer hinaus, um mit dem Vater "Nachtleinen" zum Fischfang auszulegen, ein Ritual, das durch die plötzliche Nachricht vom Tod der Mutter unterbrochen wird. Es ist dieses Ereignis, das Vater und Sohn die Rückkehr zu einer normalen Beziehung auf Jahre verbaut.

          Der Ire Neil Jordan hat vor allem als Regisseur und Drehbuchautor auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt durch "Interview mit einem Vampir". Weniger bekannt ist, daß er vor seiner Hinwendung zum Kino Kurzgeschichten und Erzählungen schrieb; sein Band "Night in Tunesia" wurde mit dem "Guardian Fiction Prize" ausgezeichnet. In seinem vielleicht besten Film "The Crying Game" schildert Jordan die Geschichte eines IRA-Untergrundkämpfers, der sich mit einem Gefangenen anfreundet und später Schuldgefühle wegen dessen Tod zu bekämpfen sucht, indem er sich um die Freundin des Verstorbenen kümmert. (In Wahrheit ist die Freundin ein Mann.) Die zentralen Themen des Films finden sich auch in dem Roman "Nocturno", mit dem sich Jordan nun wieder auf literarisches Terrain begibt: Verrat und Verantwortung, Schuld und Sühne.

          Unbewußt empfindet der kleine Donal den Tod der Mutter als Machtprobe mit dem wortkargen, hilflosen Vater, von dem stets nur als "er" die Rede ist und der seine Verzweiflung nur durch einen erstickten Laut, dem Schrei einer Silbermöwe gleich, ausdrücken kann. Das Schweigen zwischen ihnen, die "Stille, die im Fehlen jeder Notwendigkeit zu sprechen liegt", wird zur Routine und nur kurz durch Rose unterbrochen, die junge Klavierlehrerin Donals, in die sich beide verlieben. Die Heirat des Vaters mit Rose treibt den Sohn in den Spanischen Bürgerkrieg. Als er zurückkehrt, ist der Vater durch einen Schlaganfall vollends zur Bewegungs- und Sprachlosigkeit verdammt.

          Doch "Nocturno" hat auch einen politischen Aspekt: Die Geschichte von Vater und Sohn läßt sich als allegorische Beschreibung der Rolle Irlands während des Zweiten Weltkriegs lesen. Der Alte, ein Veteran des Unabhängigkeitskriegs mit protestantischer Herkunft, wird im Laufe seiner Karriere den Posten in der Regierung des Freistaats gegen ein Amt unter seinem einstigen Gegner Eamon de Valera eintauschen; später, als ihn sein Schlaganfall und die Abgeschiedenheit des Wohnhauses von der Außenwelt trennen, erscheint sein Dasein wie der "Lähmungszustand", den Jordan dem Inselstaat attestiert: doppelte Handlungsunfähigkeit durch die Neutralität einerseits, durch kämpfende Gruppen im eigenen Land andererseits.

          Zufällig gerät der Sohn zwischen beide Fronten, was ihn jedoch kaum berührt. Auch die schwierige Lage seines Vaters nimmt er gelassen zur Kenntnis. Als hätte er in Drachenblut gebadet, zieht Donal seiner Wege. Am Ende wird er zum Verräter an allen Seiten.

          Man kann es als Kommentar des Autors deuten, daß die Akteure inmitten der verworrenen Bürgerkriegssituation weniger heroisch als lächerlich wirken; erheiternd ist vor allem die ironische Darstellung der IRA-Männer, die, um die Engländer dort zu "treffen, wo es sie am meisten schmerzt", einen Sprengstoffanschlag auf Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett planen.

          Mit Hilfe einer überzeugenden Figurendarstellung vermeidet Neil Jordan den Kitsch, der angesichts der Kulisse des silbernen Mondes über der dunklen See in gefährlicher Reichweite liegt. Da verzeiht man dem Autor auch die letzte Wendung, wenn in einem märchenhaften Happy-End die Mauer des Schweigens zwischen den Männern durchbrochen wird. Ob hier höhere Mächte oder auch nur der irische Whiskey im Spiel waren, mag der Leser entscheiden. JÖRG THOMANN

          Neil Jordan: "Nocturno". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Rosemarie Bosshard. Goldmann Verlag, München 1995. 253 S., geb., 38,- DM.

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