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Rezension: Belletristik : Sieg des Schrebersozialismus

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Für Uwe M. Schmidt ist die ganze DDR ein Witz

          Ein Schriftsteller im strengen Sinne ist Uwe M. Schmidt nicht, sondern ein Film- und Fernsehmann, der seit drei Jahrzehnten für ZDF und NDR Features produziert. Zu den namhaften Experten für DDR-Themen zählt er nicht, was nicht ausschließt, daß er über dieses und jenes Bescheid weiß. 1941 geboren, erlebte er in Mecklenburg seine entscheidenden Erziehungsjahre, studierte in Dresden, wechselte knapp vor dem Bau der Mauer aus politischen Gründen in den Westen. Er verfügt über einiges Rüstzeug, um einen Romanblick zurück auf die DDR zu werfen.

          Einen zwinkernden Romanblick, wie schon der Titel sagt: "Die Datsche oder Wie der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Kahlow beinahe die DDR gerettet hätte". Datsche, das ist die DDR-Verballhornung der russischen Datscha, was Landhaus heißt, in der ostdeutschen Abart die bescheidene, aber tausendfach begehrte Unterkunft der Laubenpieper meint. Schmidt weiß Bescheid über die damaligen Sehnsüchte, und er kennt sich im offiziellen DDR-Denken und -Reden ebenso aus wie im dazugehörigen Schriftwerk. Man darf, zehn Jahre nach seinem Hinscheiden, des ostdeutschen Kleinbürgersozialismus lachend gedenken. Schmidt erzählt eine Geschichte, die ihm die DDR-Kabaretts "Distel" in Berlin-Ost, "Akademixer" in Leipzig, "Herkuleskeule" in Dresden gern abgekauft hätten - vorausgesetzt, sie hätten den Stoff durch die Zensur schmuggeln können.

          Im Frühjahr 1989 also entwickelt SED-Sekretär Ewald Machmann, in einem Parteibezirk östlich Berlins tätig, einen Plan zur Überwindung dreier staatlicher Probleme: Republikflucht, Versorgungsmängel, sinkende Bevölkerungszahlen. Fördert man das Kleingarten- und Kleintierzüchterwesen, so Machmann, werden erstens lauschige Datschen die Fluchtbereitschaft bremsen, kommen zweitens mehr Gemüse, Kaninchen, Hühner auf den Markt, steigert drittens das Glück im Winkel eheliche wie außereheliche Begierden, folglich die Geburtenhäufigkeit. Die nötige Bodenfläche könnte man aus dem Areal der Staatsgrenze West gewinnen, was der DDR die erste wahrhaft grüne Grenze der Welt bescheren wird, gesichert durch speziell gezüchtete Dornenhecken, über die niemand klettern und auf denen - so ein Albtraum Machmanns - niemand sitzen oder tanzen kann.

          Die Idee reüssiert. Alle Staatsträger machen mit: SED, FDJ, Frauenbund, Bauernpartei, Grenztruppen und so weiter - und natürlich Mielkes Staatssicherheitsorgane. Eifrig versucht die DDR, sich ein neues Gesicht zu geben. Doch bleibt, was immer unternommen wird, das alte. Die vertraute Malaise sozialistischer Staatlichkeit wirkt in die neuen Pläne hinein, und noch vor dem Sieg der Schrebergärtner hört die DDR auf zu existieren.

          Das zum Schmunzeln nötige Verständnis läßt sich nur von ostdeutschen Lesern oder von westlichen DDR-Spezialisten erwarten. Die einen erlebten real, was Schmidt als Satire auftischt. Die anderen könnten kichern, wenn sie in den Projekthelfern aus dem Schriftstellerverband Bekannte entdeckten, etwa Dieter Noll als Hinrich Beck, erkennbar "an der Schleimspur", oder Christa und Gerhard Wolf als Maria und Gernot Fuchs, Mitmacher in der Position ästhetisierender Reserve. Auch Eduard von Schnitzler, Hetzprediger vom "Schwarzen Kanal" des DDR-Fernsehens, taucht auf, im Buch heißt er Eberhard von Tafelspitz, und der Kernphysiker Manfred von Ardenne kommt als Genosse Professor von Antenne daher. Nur hier und da dürfen gestandene Westbürger sich als Fachleute fühlen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Fernseh-Propaganda-Serie "Datschas", eine Schrebergarten-Variante von "Dallas".

          Es lache, wer lachen kann. Zu oft und zu gründlich stürzt Schmidt in die platte Posse ab. Und dem Gelächter zuliebe, das er von seinen Lesern erhofft, geht er mit seinen Scherzen nicht eben haushälterisch um. Er fragt nicht danach, ob seine Einfälle der Handlung dienen. Der Roman erstickt daran. Der Leser, insbesondere wenn er nicht mit der DDR-Szenerie intim ist, verliert unter dem Ansturm der Gags den Überblick. Bis er sich langweilt.

          SABINE BRANDT

          Uwe M. Schmidt: "Die Datsche oder Wie der 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Kahlow beinahe die DDR gerettet hätte". Roman. Reclam Verlag, Leipzig 2000. 254 S., br., 16,90 Mark.

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