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Rezension: Belletristik : Sieben leere Patronen am Ende der Nacht

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          3 Min.

          Am Schluss erklärt der Autor, wie er verfahren ist: Die Erinnerung, schreibt der allwissende Erzähler, "vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und sich der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schneidend empfunden wurde. Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen." Bevor solche Einsichten formuliert werden, lässt der Erzähler Michail Gorbatschow erfolgreich dem Regen Einhalt gebieten, in einem Trabi Hebammendienste an einer DDR-Existentialistin vornehmen, dem aufgeregten Vater "ein fertig gewickeltes Neugeborenes" überreichen. "Und auch ihr Kind wird größer werden und wachsen und fragen lernen und zuhören . . . Aber die Dinge in diesem Land würde es wahrscheinlich genau so wenig begreifen wie seine Eltern."

          Das Land ist die untergegangene DDR. Der Ort ist die Sonnenallee, das kürzere Ende der Sonnenallee, nahe am proletarischen Neukölln, direkt an der Mauer gelegen. Berichtet wird von Michael Kuppisch und seinen Freunden, die zwischen Mauerbau und Perestroika erwachsen werden. Der geschützte Raum dieser Jugend, so reimt Michael Kuppisch sich die Sache zusammen, verdankt sich einem "poetischen Raunen", dem "Diktatoren und Despoten" leicht anheim fallen: Stalin wollte auf der Potsdamer Konferenz die Sonnenallee, weil der Name so hübsch klingt, und Churchill gab ihm immerhin sechzig Meter, weil Stalin ihm freundlicherweise die Zigarre angezündet hatte. Und so wundert sich Michael Kuppisch Zeit seines Lebens darüber, "daß er in einer Straße wohnt, deren niedrigste Hausnummer die 379 war", und so denkt er sich aus, wie es dazu kam, und in diesem Stil erklärt er auch, wie es dort zuging, in dieser besonderen poetischen Einheit "am kürzeren Ende der Sonnenallee".

          Das neue Buch von Thomas Brussig ist sein drittes und leichtestes. "Wenn Sie je versucht haben, ein Buch zu schreiben, dann wissen Sie, dass das eine verrückte Angelegenheit ist. Besonders der Anfang. Man sitzt da und weiß genau, dass man eine Menge aufschreiben könnte, aber man bringt kein Wort aufs Papier." So - so kalkuliert munter - begann sein Erstling, "Wasserfarben", ein beachtlicher Abiturientenroman, den er unter seinem Namen erst veröffentlichte, nachdem er mit dem Wenderoman "Helden wie wir" 1995 großen Erfolg gehabt hatte. Dessen Ich-Erzähler, Klaus Uhltzsch, spricht einem amerikanischen Journalisten eine offenkundig von Philip Roth inspirierte Lebensbeichte auf den Kassettenrekorder. Seine DDR war ein wahres Spießerland, seine Kindheit und Jugend im Hause eines Stasi-Vaters und einer überfürsorglichen Mutter, einer Hygieneinspektorin, ein Martyrium demütigend grotesker Situationen. Der Held heuert schließlich selbst bei der verhassten Stasi an, ein verklemmter, überschlauer, pickliger, sexbesessener Jüngling. Als es mit der DDR vorbei ist, endet seine Pubertät - eine Befreiung.

          Mensch, was haben wir die Luft bewegt", schreibt Michael Kuppisch über das Leben am kürzeren Ende der Sonnenallee. "Es wäre ewig so weitergegangen. Es war von vorn bis hinten zum Kotzen, aber wir haben uns prächtig amüsiert." Zum Schreiben kommt Kuppisch durch eine gut gemeinte Lüge. Seine Angebetete wird krank, er fürchtet das Schlimmste: "Er kannte die Geschichten von Leuten, die in diesem Land kaputtgehn." Er will ihr aus seinem Tagebuch vorlesen, um zu beweisen: "Du bist nicht allein, wirklich nicht." Da er aber nie Tagebuch geführt hat, muss er die Lese-Therapie erst mühsam fabrizieren: "Dshingis-Khan zeugte in einer Nacht sieben Kinder, aber Micha verschrieb in einer Nacht sieben Patronen." Durch das Schreiben schaffen sich Brussigs Protagonisten eine Gegenwelt zur DDR. Der Autor, Jahrgang 1965, ist ein Spezialist dafür geworden, leicht und witzig über die DDR zu schreiben, ohne sie nostalgisch zu verniedlichen. Er gehört nicht zu den "glücklichen Menschen" mit schlechtem Gedächtnis und reichen Erinnerungen. Der Westen ist bei ihm im Wesentlichen die Welt der Rockmusik; er sieht ihn unsentimental. Michaels Mutter beispielsweise hat einen West-Pass gefunden und versucht, sich älter zu machen, um damit über die Grenze zu kommen. "Sie sah ein Pärchen, das zurück nach Westberlin wollte, und als Frau Kuppisch sah, wie locker und selbstbewußt die auftreten, wie laut die reden, wie gespielt die lachen und wie raumgreifend sie agieren - als sie all das sah, wußte sie, daß ihr zu einem Westler mehr fehlt als nur der Paß, die Schuhe, die Kleider und das Kukident."

          Brussigs Osten verklärt sich auch als Ort der Kindheit nicht: Frau Kuppisch nennt ihren Sohn "von einem Tag auf den anderen Mischa", weil sie ihn auf eine Eliteschule bringen will. Michas Freund Mario wird von der Schule geworfen; dann "begann die schönste Zeit seines Lebens", in der er zwar verhaftet wird, die aber mit der wunderartigen Begegnung mit der Gorbatschow-Erscheinung - und dem baldigen Ende der DDR - endet. Vater Kuppisch sagt: "Die Ostzeiten waren ein einziges Schützenfest, bei dem jeder Schuß nach hinten losging." Es wird in der "Sonnenallee" allerdings auch scharf geschossen, auf Michaels Freund, doch eine teuer erworbene Doppel-LP der Rolling Stones "Exile on Main Street" rettet Wuschel das Leben. Brussig, der das Schützenfest beschreibt, bleibt unversöhnt. Mit der Diktatur, und im Grunde auch mit der Kindheit.

          Thomas Brussig: "Am kürzeren Ende der Sonnenallee". Roman. Verlag Volk und Welt, Berlin 1999. 157 S., geb., 28,- DM.

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