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Rezension: Belletristik : Sich an Schwaben laben

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Wie Ettore Schmitz zum Schriftsteller Italo Svevo wurde

          3 Min.

          Ein sonderbares Buch: schön eingebunden, hübsch gedruckt, tüchtig ediert, mit runden und eckigen Klammern - aber auf dem Umschlag zwei Helden und kein Verfasser. Dafür auf der Titelseite zwölf Zeilen Text, ein Herausgeber mit drei Mitarbeitern, noch ein weiterer Name ohne Prädikat. Es stellt sich dann heraus, daß dessen Träger die fünfte Biographie eines der beiden Helden, Italo Svevo, geschrieben hat.

          Der italienische Schriftsteller Italo Svevo (1861 bis 1928) war ein Jude aus dem Mischmilieu von Triest, und der Künstlername, den er gewählt hatte, war Programm: Er wollte Italiener sein und italienisch schreiben, aber mit dem Adjektiv "svevo" (schwäbisch) wollte er seine Anhänglichkeit an deutsche Herkunft oder seine Sympathie für den in Italien berühmtesten Schwaben, den Stauferkaiser Friedrich II., ausdrücken, der ja eine Art deutsch-südlicher Symbiose verwirklicht hat. Der eigentliche Familienname Svevos, Schmitz, war nicht nur deutsch, sondern rheinisch, der Vorname lautete eigentlich Aron und dann, mit einem ersten Assimilationsschritt, Ettore (Hektor), so wie im Norden gern der Heldenvorname Sigmund ausgesucht wurde. Übrigens kam Ettores Vater keineswegs aus dem Rheinischen, sondern aus dem Bereich der Donaumonarchie und hieß nicht ganz zufällig Franz.

          Im Verwirrspiel dieses Buches ist aber nicht Italo Svevo die Hauptfigur. Der Titel lautet: "Italo Svevo, Samuel Spiers Schüler", beide sind in Fotos abgebildet, und darunter ist ein Fluß mit ein paar Häusern und einem alten Wehrturm zu sehen: die dritte Hauptperson, das Dörfchen Segnitz bei Würzburg. In Segnitz, dem versteckten fränkischen Ort, gab es ein Internat von internationalem Ruf, und Vater Franz Schmitz wollte für seine Söhne Ettore, Elio und Adolfo eine gute Erziehung, keine österreichische, wie sie auch in Triest zu haben war, sondern eine deutsche. Das Internat in Segnitz zog aber nicht nur Schüler aus aller Welt an (es kamen sogar solche aus Südamerika), sondern vor allem Juden, und ein Jude war Ettore-Italos Lehrer, Direktor und Hausvater Samuel Spier.

          Das auf den ersten Blick "schweifend" wirkende Buch zeigt seinen Mittelpunkt: das Internat in Segnitz. Der Verlag, der eine Hauptfigur Italo Svevos, Zeno, im Firmennamen führt, ist in Segnitz zu Hause, aber das Buch erscheint auch in italienischer Übersetzung in Triest und in englischer in London. Es berührt in zahllosen Einzelheiten die Geschichte der jüdischen Emanzipation in Europa, dazu in der Person Samuel Spiers einen zweiten Emanzipationsprozeß, die Frühgeschichte des Sozialismus und der Sozialdemokratischen Partei. Samuel Spier war Anhänger Lassalles und gehörte zur alten Garde der Partei. Er war führend dabei, als das Eisenacher Programm verkündet wurde, und er unterzeichnete als Ausschußmitglied ein Manifest, das in der letzten Phase des preußisch-französischen Krieges 1871 den Verzicht auf die Kriegsbeute Elsaß-Lothringen forderte. Wegen des Verdachts auf Hoch- und Landesverrat wurden die Ausschußmitglieder verhaftet und in Ketten ins Gefängnis gebracht. Spier bekam zwei Monate aufgebrummt und verschwand nach dieser bitteren Erfahrung in puncto Meinungsfreiheit aus dem öffentlichen Leben. Er übernahm die Leitung des Segnitzer Internats. Unter seiner Obhut wurde Ettore Schmitz zum Schriftsteller Italus Schwab statt zum Triester Geschäftsmann, wie es der Vater gern gesehen hätte.

          Das Buch, in dem der Lehrer und der Schüler so vorkommen, wie sie sich im Leben zueinander verhalten, der eine nämlich groß und der andere klein, strotzt vor Dokumenten, Lehrplänen, Bilanzen, Wahlaufrufen, Zeitungsausschnitten. Es zeigt die Kleinwelt der Zeit nach 1870, auch ein schönes Bild des Knaben Italo mit Schülermütze, glutäugig und entschieden mehr Italo als Svevo. Er heiratete in eine reiche jüdisch-triestische Familie hinein und konnte seinen Neigungen leben.

          Traurig wird es erst auf den letzten Seiten dieses kuriosen Sammelbandes, auf denen von Samuel Spiers Nachkommen die Rede ist. Kein Holocaust zwar, aber die dokumentarische Geschichte von Oscar Spiers Privatvermögen als Beispiel jener unvergleichlichen korrekten Tücke, mit der die Nazis die deutschen Juden enteigneten. Oscar Israel Spier starb noch rechtzeitig, am 16. März 1940, und wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in einer Urne beigesetzt. "Den meisten der zu jener Zeit nur im Boden verscharrten Menschen jüdischen Glaubens hat die Stadt erst nach dem Kriege einen schlichten Grabstein gesetzt. So auch dem um sein Hab und Gut gebrachten und in den Tod gehetzten Oscar Spier." WERNER ROSS

          "Italo Svevo, Samuel Spiers Schüler. Die Texte Italo Svevos und seines Bruders Elio Schmitz über ihre Jugend in Deutschland".Hrsg. von Hans Michael Hensel und John Gatt-Rutter, unter Mitarbeit von Wolfgang Brusch, Nadia Danieli und Harald Frank. Mit unveröffentlichten Dokumenten und einer Kurzbiographie Samuel Spiers. Zeno's Verlag, Edition Villa Segnitz 1996. 311 S., 73 Abb., geb., 68,- DM.

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