https://www.faz.net/-gr3-39h5

Rezension: Belletristik : Seufzendste der Kreaturen

  • Aktualisiert am

Friedrich Rückert (1788-1866) hatte sich ein Wandregal mit einhundert Fächern bauen lassen, in denen er seine Produktion entstehungschronologisch ablegte. Das ist der erste der Gründe dafür, daß die große Schweinfurter Rückert-Ausgabe die zehntausend Gedichte der letzten zwanzig Lebensjahre (durchschnittlich ...

          4 Min.

          Friedrich Rückert (1788-1866) hatte sich ein Wandregal mit einhundert Fächern bauen lassen, in denen er seine Produktion entstehungschronologisch ablegte. Das ist der erste der Gründe dafür, daß die große Schweinfurter Rückert-Ausgabe die zehntausend Gedichte der letzten zwanzig Lebensjahre (durchschnittlich fünfhundert Gedichte jährlich!) in zeitlicher Folge zu ordnen versucht und als "Liedertagebuch" abdruckt. Der zweite Grund ist ein handschriftliches Titelblatt "Altersverse. Neuseß 1846", dem sich eine größere Anzahl datierter Gedichte aus den Jahren 1846 und 1847 mehr oder weniger zwanglos zuordnen lassen. Der dritte ist das Wort "Liedertagebuch", das in einem einzigen der zehntausend Gedichte vorkommt.

          Das sind, aufs Ganze gerechnet, nicht eben starke Gründe, und ob Rückert wirklich wollte, daß seine losen Blätter ein Loseblatt-Werk seien, wird wohl nie mit Sicherheit zu entscheiden sein. Dennoch ist das Unternehmen respektabel, die chronologische Anordnung noch die beste unter allen denkbaren Alternativen, die Texte bisher unbekannt und die Edition insgesamt philologisch sorgfältig gemacht und gut kommentiert.

          Der erste Band des "Liedertagebuchs", der 420 Gedichte aus den Jahren 1846 und 1847 enthält, läßt den Tagebuchcharakter noch einigermaßen plausibel erscheinen, denn die Gedichte wurden vom Autor selbst datiert - und Rückert schrieb, abgesehen von zwei jeweils mehrmonatigen Lücken, Tag für Tag mehrere davon. Die Folgebände werden, da die Hundert-Fächer-Ordnung von früheren Nachlaßverwaltern durcheinandergebracht wurde, es hauptsächlich mit undatierten, von den Herausgebern erst chronologisch anzuordnenden Texten zu tun haben, die das Tagebuchkonzept doch ein wenig in Frage stellen. Am Ende soll das Liedertagebuch acht Bände umfassen. Nimmt man den jetzt erschienenen Band als Norm, so ergibt die Hochrechnung allerdings, daß für zehntausend Gedichte 25 Bände erforderlich sein werden. Rechnet man ab, daß im vorliegenden Band noch eine kleine Abteilung "Briefe" zu finden ist, die es nicht in jedem Lieder-Band geben wird, bleiben überschlagsmäßig immer noch zwanzig Bände übrig. Die Gesamtplanung der Ausgabe, von der bisher drei Bände (aus verschiedenen Lebensabschnitten und ohne Bandzählung) erschienen sind, scheint noch ziemlich nebulös zu sein. Der Verlag spricht von etwa vierzig Bänden, die zu erwarten seien, im Verlauf von wahrscheinlich nicht wenigen Jahren. Aber vielleicht werden es auch sechzig, wenn die Sponsoren mitmachen, deren eindrucksvolle Tafel die letzten Seiten der geschmackvoll ausgestatteten Bände ziert.

          Weitere Themen

          Der neue Siemens-Chef

          Roland Busch : Der neue Siemens-Chef

          An diesem Donnerstag legt Siemens Zahlen vor. Im Mittelpunkt steht der Mann, der demnächst die Nachfolge von Joe Kaeser antritt: Roland Busch. Wie tickt der Physiker, Frauenförderer und Gitarrenspieler?

          Topmeldungen

          Das Robert Koch Institut präsentiert erfreuliche Entwicklungen: Die Anzahl an Neuinfektionen in Deutschland sinkt wieder.

          RKI-Zahlen : 436 registrierte Coronavirus-Neuinfektionen

          Trotz weniger Neuinfektionen übersteigt die Reproduktionszahl weiterhin den kritischen Grenzwert von 1. Innenstaatssekretär Krings fordert eine Anzeigepflicht vor Reisen in Risikogebiete – um besser prüfen zu können, wer die Testpflicht einhält.
          In der Mannheimer Einkaufsstraße Planken ist eine Frau mit einer Alltagsmaske unterwegs.

          Corona-Maßnahmen : Die Eigenverantwortung zählt

          Es gibt kein Bürgerrecht, das die Vermeidung von Krankheit und Tod garantiert, schreibt der Jurist Hinnerk Wißmann in seinem Gastbeitrag. Die Erwartungen ans staatliche Corona-Management gehen fehl.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.