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Rezension: Belletristik : Sei mein Vorbild, einäugiger Dichter des Meeres

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Luís de Camões und die "Lusiaden" · Von Hans Ulrich Gumbrecht

          5 Min.

          Einst war es in ganz Europa bekannt und berühmt, heute hat man es außerhalb Portugals fast vergessen: In den "Lusiaden", dem 1572 veröffentlichten Nationalgedicht, besang Luís de Camões die Entdeckungsfahrten des Vasco da Gama und die Geschichte seines Vaterlandes. Vielleicht muss man so weit gehen zu sagen, dass Camões in der getragenen Stimmung des Rhapsoden die Geschichte Portugals überhaupt erst erfunden hat.

          Friedrich Schlegel hat die Portugiesen um ihr Epos beneidet. Nur acht Jahre nach dem ersten Druck der Lusiaden, 1580, im Todesjahr des Autors Camões, und nachdem König Sebastian von Portugal auf einem afrikanischen Feldzug gefallen war, hatte Philipp II. dessen Territorien dem spanischen Weltreich einverleibt. Schlegel erkannte darin eine Parallele zum Schicksal des eigenen Vaterlands, des unter napoleonischer Besatzung stehenden Deutschland. Die Aura, welche Camões und die Lusiaden in der portugiesischen Kultur umgab, belebte die Hoffnung der romantischen Intellektuellen, auch die Deutschen könnten von einem nationalen Epos über ihre heroische Vergangenheit zum Widerstand wachgerüttelt werden: "Sei, Camoens, denn mein Vorbild!", schrieb Schlegel. "Lass mich's wagen / Des deutschen Ruhms Urkunde aus den Wogen / Empor zu halten, an die Rettung glaubend."

          Zwischen 1800 und 1810 sind nicht weniger als zwei Gesamt- und vier Teilübersetzungen der Lusiaden in Deutschland entstanden. Zu ihren Autoren gehörten August Wilhelm Schlegel und Johann Gottlieb Fichte. Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts folgten noch sechs weitere Gesamtübersetzungen. Dagegen erschienen im zwanzigsten Jahrhundert nur zwei deutsche Übertragungen: eine Auswahl im Jahr 1949 und nun, fünfzig Jahre später, eine zweisprachige Gesamtausgabe von Hans Joachim Schäffer, die von Rafael Arnold bearbeitet wurde. Überraschend ist die sprachliche Qualität dieser Wiedergabe. Camões' ursprüngliches, von Ariost übernommenes Vers- und Strophenmaß, die Ottava Rima, ist im Deutschen weitgehend beibehalten. Bis in inhaltliche und stilistische Details hinein ist die Übersetzung wunderbar präzise, es gelingt ihr, einen "literarischen Ton" für das in der deutschen Literatur nicht existierende frühneuzeitliche Nationalepos zu erfinden. Man mag in diesem Ton unfreiwillig komische Effekte entdecken, denn wenig Weltliterarisches wirkt heute so fern wie das Pathos des Nationalepos. Doch selbst ein Leser, der - so ganz anders als Schlegel vor kaum zweihundert Jahren - partout nicht weiß, was er wohl mit einer neuen Übersetzung der Lusiaden anfangen soll, muss zunächst der sprachlichen Leistung der Übersetzer Bewunderung zollen.

          Das Nationalepos war eines der großen literarischen Projekte in der Epoche vom sechzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert. Aber kaum einem der gigantischen Versuche war je wirklicher Erfolg beschieden. Die Ritter aus Ariosts "Rasendem Roland" etwa fanden die Leser durchaus sympathisch, aber nicht ernst genug für ein Nationalgedicht. Tassos "Befreites Jerusalem" oder Miltons "Verlorenes Paradies" waren in ihrer Thematik zu christlich für ein nationales Projekt. Und "La Araucana", das große Gedicht des Spaniers Alonso de Ercilla über die Eroberung der Westküste des südamerikanischen Kontinents, galt selbst unter seinen Landsleuten in seiner Freude am Detail als ästhetisch ungenießbar. Die Lusiaden hingegen wurden, wie vor gut einem halben Jahrhundert der große Romanist Werner Krauss erwiesen hat, noch zu Camões' Lebzeiten in ganz Europa als die gelungene Verwirklichung des nationalepischen Projekts betrachtet.

          Welche Bedingungen für diese Wertschätzung galten, ist für uns nur schwer nachzuvollziehen - so fern ist uns der Ton. Die Romantiker kritisierten zu Recht, dass sich Camões eher um rhetorische Monumentalität bemühe als um Anschaulichkeit. Das beginnt mit einer fast wörtlichen Wiederaufnahme der ersten Strophen aus der "Äneis", mit einer Passage also, in der Camões vor allem auf den Unterschied zwischen seinem kollektiven Protagonisten, den portugiesischen "Heldenscharen", und dem Einzelhelden Äneas bei Vergil setzt: "Von kriegerischen, kühnen Heldenscharen, / Vom Westrand Lusitaniens ausgesandt, / Die auf den Meeren, nie zuvor befahren, / Sogar passierten Taprobanas Strand, / . . . / Will mit Gesang ich überall verbreiten, / Wenn mich Talent und Kunst dabei begleiten."

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