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Rezension: Belletristik : Sehnsucht nach der Hundepfote

  • Aktualisiert am

Jan Peter Bremers Fürstenworte Von Heinz Ludwig Arnold

          3 Min.

          An Jan Peter Bremer läßt sich studieren, wie genügsam die deutsche Literaturkritik geworden ist. Drei "Romane" hat der einunddreißigjährige Autor seit 1991 veröffentlicht, keiner davon hat mehr als neunzig Seiten. Vom ersten hieß es in einer Kritik, da sei ein "Bonsai-Roman" entstanden, "aber so rund, so vollständig wie kaum ein großer". Seither wirbt der Verlag mit dieser Metapher: Bremers drittes Buch, "Der Fürst spricht", sei endlich wieder "einer dieser perfekten Bonsai-Romane". In Klagenfurt wurden Buch und Autor in diesem Sommer mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet.

          Bei der Lektüre der ersten beiden Romane ("Einer der einzog, das Leben zu ordnen" und "Der Palast im Koffer") sind Anklänge an Kafka zu hören, auch etwas Robert Walser, vor allem aber mußte ich an Peter Bichsels frühe Lakonie und Reinhard Lettaus "Auftritt Manigs"-Gestus denken. Bichsel und Lettau sind Meister jener knappen Erzählweise, die von grotesken Gesten lebendig und in Gang gehalten wird. Bei Bremer wird die groteske Weltsicht aber nicht im Erzählen entwickelt, sondern ist schon da als grotesker Entwurf; und dessen literarische Realisation begnügt sich mit Gesten, die immer nur auf etwas hindeuten, ohne die Kraft originärer poetischer Evokation.

          Bremer scheint fasziniert vom Thema der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Herr und Knecht - schon im ersten Roman spielt er es durch zwischen dem nachgiebigen Herrn und dem platzgreifenden Diener. Jetzt spricht der Fürst zu seinem neuen Verwalter und alten Hofmeister. Während Bremers Texte in ihrer grotesken Manier bislang selbstgenügsam aufgingen, scheint der neue Text parabolischen Ehrgeiz zu haben. Die groteske Manier ist fast ganz zurückgenommen aus dem Sprachgestus, das parabolische Bestreben steckt in der - dadurch freilich etwas gestelzt wirkenden - Erzählhaltung.

          Der Fürst erwartet einen neuen Verwalter, dessen Vorgänger ist am Vortage zu Grabe getragen worden. Der Hofmeister kündigt den neuen Verwalter an, der in einem großen, schönen Raum arbeiten soll. Über Ankunft und Empfang des neuen Verwalters entsteht ein Streit zwischen Fürst und Hofmeister, der sich daraufhin zurückzieht. Der Fürst beginnt mit dem neuen Verwalter eine merkwürdige Unterhaltung und bekennt seine Verlorenheit. Mittelpunkt dieses Bekenntnisses ist die Geschichte von einem Hund, den der Fürst des Nachts im Hof sah, den er schließlich eines Abends aufnahm und versorgte - und der verschwand, nachdem der Fürst noch einmal seine Pfote bei einer Tonne im Hof gesehen hat.

          In diesem Verschwinden nun bildet sich für den Fürsten eine namenlose Gefahr ab, die er in seiner Umgebung wittert, auch durch den Hofmeister, der ihn verfolge und belausche; und er vermutet Intimität zwischen ihm und dem neuen Verwalter, dem er schluchzend an die Brust sinkt, um ihm im nächsten Moment als "Schwindler und Betrüger" die Türe zu weisen. Bis der neue Verwalter schließlich erfindet, was der Fürst von ihm hören will: daß der Hofmeister ihn bedrängt habe. Der aber, so die überraschende Nachricht, die in diese Dialoge zwischen neuem Verwalter und Fürsten fällt, hat sich erhängt. Flugs ernennt der Fürst den neuen Verwalter zum Hofmeister, "gleichgültig, ob Sie ein Lügner sind oder nicht". Er muß aus dem schönen großen Zimmer in die Kammer des alten Hofmeisters - der aber solle ein "triumphales Begräbnis" bekommen.

          Aus der Kutschfahrt übrigens, die der Fürst ab Seite 10 mit dem neuen Verwalter unternehmen soll, wird bis Seite 77 nichts: "Der Kutscher stieg mühsam vom Kutschbock hinunter, torkelte zu den Pferden hin, die mit ihren Schweifen schlugen, und drückte einem Schimmel seinen Mund auf die Nüstern. Dann wischte er sich mit dem Ärmel über sein Gesicht, und seine Mütze fiel in den Sand. Mit der Hand tastete er sich über sein Haar, beugte sich, indem er sich mit den Händen auf den Knien abstützte, und blickte schwankend auf die Mütze hinunter. Aus dem Schloß lief ein Mädchen auf ihn zu. Es war Maria. Sie nahm ihn an ihre Seite, und der Kutscher begann zu singen. So führte sie ihn in das Schloß. Dann kam sie wieder heraus, hob die Mütze vom Boden auf, klopfte den Hals eines der Pferde und blickte zum Fenster hinauf, hinter dem der Fürst stand. - Der Fürst wich zur Seite."

          Mit dieser Szene endet der dritte "Bonsai-Roman" Jan Peter Bremers. Es ist übrigens die konkretest beschriebene Szene des gesamten Textes, der (mit Ausnahme jener Hunde-Geschichte) vor allem aus Dialogen und darin einigen Passagen jener Art vorausschauender Teichoskopie besteht, wie sie der spanische Autor Javier Tomeo in seiner meisterhaften Groteske "Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief" immer wieder einsetzt, um neue phantastische Erzählräume zu öffnen und die Erzählung voranzutreiben.

          Bei Bremer, der Tomeo gelesen zu haben scheint, bestätigen die wenigen "teichoskopischen" Passagen freilich nur den kurzen Fortgang der Geschichte. Und die Erzählräume, die da geöffnet werden, bleiben abstrakt, leer. Es ist wie bei den beiden anderen "Romanen" Bremers: Auch dieser geht von einem Entwurf aus, erfüllt aber nur dessen Programm. Seine Sprache, vom Verlag als "einzigartig" und gar als ein "Suchtmittel" angepriesen, ist nichts weniger als dies, sondern ordentlich, aber ohne eigene Kraft, ohne Poesie.

          Jan Peter Bremer: "Der Fürst spricht". Roman. Verlag Gatza bei Eichborn, Frankfurt am Main 1996. 80 S., geb., 24,80 DM.

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