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Rezension: Belletristik : Seele, ostwärts

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Wolfgang Hilbigs Provisorium · Von Eberhard Rathgeb

          6 Min.

          Wolfgang Hilbigs Roman "Das Provisorium" ist das Dokument eines Scheiterns. Er beginnt mit einem Faustkampf auf einer Treppe in einer Boutique in Nürnberg. Gezielte Schläge strecken den Angreifer nieder. Der Schriftsteller C. aus Leipzig setzt sich zur Wehr. Doch am Boden, so muss er dann feststellen, liegt mit verrenkten Gliedern und verdrehtem Kopf eine Schaufensterpuppe. Der Mann aus dem Osten hat lediglich eine Chimäre des westlichen Konsums überwältigt. Vor dem Habenrausch in den glitzernden Kaufhäusern, auf den endlosen Rolltreppen und in den überbelegten Umkleidekabinen, vor den umlagerten Wühltischen und den klingelnden Kassen fällt dem Mann, der doch ein Schriftsteller ist, nicht mehr ein als eine Einsicht, die selber nur eine intellektuelle Schaufensterpuppe ist: dass Konsum die Freiheit ist, die der Westen meint. Die blinden Agenten des Konsums und Nutznießer dieser Freiheit sitzen unterdessen in ihren brustweit geöffneten Hawaiihemden, mit blinkenden Goldkettchen und dicken Taucherarmbanduhren am Handgelenk, beim hellen Bier zusammen und leben laut und gut.

          Am 31. Oktober 1985 kann der Schriftsteller C., der in Leipzig wohnt, endlich den Osten verlassen und in den Westen gehen. Ein so genanntes "Dienstvisum", das auf vierzehn Monate ausgestellt ist, gestattet ihm, in die Bundesrepublik Deutschland auszureisen und in die Deutsche Demokratische Republik wieder zurückzureisen, sooft ihm danach zumute ist. Seine Freundin Mona bleibt in der kleinen Wohnung in Leipzig. Der Schriftsteller tritt auf Wunsch seines Westverlages eine Lesereise an. Er wohnt in Hanau, in München und schließlich in Nürnberg. Dort liebt er Hedda, eine russische Schriftstellerin. Die Liebe geht in die Brüche. Und als die Mauer fällt, fährt der Dichter nach Leipzig zurück.

          Die Geschichte des Schriftstellers C. pendelt zwischen Ost und West. Bislang spielten alle Erzählungen und Romane Wolfgang Hilbigs in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die er selbst wie sein Held im Jahre 1985 verlassen hat. Wenn man von seinen vor einigen Jahren erschienenen Poetik-Vorlesungen absieht, in denen er sich harsch mit dem westlichen Literaturbetrieb auseinander setzte, schrieb Hilbig nach der Ausreise nicht über seine Erfahrungen im Westen. Zwar stand er dort mit beiden Beinen im Leben, mit seinem Kopf, mit seinen Vorstellungen aber blieb er im Osten. Noch immer erzählte er von den Schwierigkeiten einer Doppelexistenz als Heizer und Dichter in der Deutschen Demokratischen Republik, erzählte von einem Land, das von industriellen Verwüstungen und menschlichen Verödungen heimgesucht wurde.

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