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Rezension: Belletristik : SCIENCE FACTION

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Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf der Engländer Charles Babbage die erste programmgesteuerte Rechenmaschine. Hauptsächlich aus finanziellen und fertigungstechnischen Gründen wurde sie zu seinen Lebzeiten nie gebaut. Ein Nachbau 150 Jahre später bewies aber, daß die Maschine funktionsfähig war.Bruce ...

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          Mitte des 19. Jahrhunderts entwarf der Engländer Charles Babbage die erste programmgesteuerte Rechenmaschine. Hauptsächlich aus finanziellen und fertigungstechnischen Gründen wurde sie zu seinen Lebzeiten nie gebaut. Ein Nachbau 150 Jahre später bewies aber, daß die Maschine funktionsfähig war.

          Bruce Sterling und William Gibson konstruierten daraus in ihrem gemeinsamen Roman "Die Differenz Maschine" eine alternative Geschichtsschreibung, in der Babbage schon zu Lebzeiten Erfolg hat. Die dadurch vorzeitig hervorgerufene dritte industrielle Revolution verändert die Welt des 19. Jahrhunderts nachhaltig.

          Die Ausgangslage ist gleichzeitig fiktiv und realistisch. England wird unter Lord Byron von einer parlamentarischen Monarchie regiert. Die Elite des Landes besteht aus Wissenschaftlern und Technikern. Differenzmaschinen beherrschen den Alltag. Dank ihrer Rechenleistungen ist es möglich, große Datenbestände im Zusammenhang mit den individuellen Daten der Bürger zu durchforsten und statistisch zu analysieren. Aufgrund der Lochkartensteuerung der Maschinen werden die Hersteller der Steuerprogramme schlicht Locher genannt. Sogar Kleingeräte für den Hausgebrauch werden hergestellt, doch benötigen sie wie ihre monströsen Gegenstücke in den staatlichen Ämtern penible Pflege. Schon die kleinste Verunreinigung, Überhitzung oder mangelhafte Ölung der Mechanik kann die Ergebnisse verfälschen.

          Als nun im Sommer des Jahres 1855 die staatliche Ordnung in London vorübergehend zusammenbricht, weil die Maschinen sich zu einem ernsten Umweltproblem entwickelt haben, beginnt ein verworrenes Intrigenspiel, in dessen Zentrum Lord Byrons Tochter Lady Ada steht. Es scheint als habe die "Königin der Maschinen" genannte Mathematikerin einen Programmiermodus entwickelt, der über eine endliche mathematische Methode die gesamte Realität einschließlich der Natur des Wettspiels beschreibt. Doch ihre durch Spielsucht und Schulden entstandenen Kontakte zur Unterwelt machen die falschen Leute auf die Möglichkeit zur Wettvorhersage aufmerksam. So beginnt die Jagd nach den Lochkarten des Modus in einer von Dampfkraft angetrieben Welt, die ihre Primitivität kaum hinter dem modernen Charakter der Differenzmaschinen verbergen kann. Wolfgang Treß

          "Die Differenz Maschine" erscheint beim Heyne-Verlag, München. Die amerikanische Ausgabe erscheint unter dem Titel "The Difference Engine" bei Random House, New York.

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