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Rezension: Belletristik : Schweinchen, zarte Drecksau

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          "Nie komme ich so nah an diesen Tag heran / wie dieser Reiher dort im Wiesentau. / Er weiß nicht, dass ich es bin, / den von weitem er ins Auge fasst, / während ich ihm seinen Namen gebe. / Die Kunst, zu segnen ohne Weihrauchfass." Die letzten drei Zeilen des Gedichtes "Draußen vor dem Dorf" Jürgen Theobaldys sind als poetologisches Bekenntnis des Autors zu lesen, ein Bekenntnis, mit dem er sich in eine alte Tradition stellt. Schon das Nennen, das Anrufen des Seienden gibt ihm dessen Würde und weiht es. "Und er sah, daß es gut war", sagt Gott an jedem Ende eines Schöpfungstages. Nach alter katholischer Liturgielehre birgt das Schwenken des Weihrauchfasses auch den Sinn der "Benediktion" - Benedicere heißt wörtlich: etwas für gut erkennen, preisen. Und besonders: segnen.

          Der Dichter muß heute ohne das Weihrauchfaß auskommen. An dessen Stelle tritt die Sprache. "Die Kunst, zu segnen ohne Weihrauchfass" meint in dem neuen Gedichtband Theobaldys aber auch die Kunst allgemein, so auch die bildende: "Zu denken mag kunstvoll sein, / die Kunst aber will gemalt sein." Theobaldy beschwört die Kreaturen, wobei der Ton nicht weihevoll bleibt. Der Lobpreis gleitet fast lautlos in das Entsetzen, und die Lyra des Dichters muß schon gut gestimmt sein, wenn er eine "Drecksau" besingt: "Schweinchen, zarte Drecksau, / die Zukunft ist nicht rosig, / die Gegenwart ist rosig, / lebe nur in ihr: / Kein Hund darf dich jagen, / kein Jäger dich schießen, / du döst ermattet und satt / auf dem Stroh: / Wie angenehm / kribbeln sie doch, des Schlachters / sorgsam tastende Hände."

          Inhalt, Versmaß und Melos zweier Zeilen der sonst in formaler Hinsicht ziemlich ungebundenen Gedichte läßt den empfänglichen Leser aufhorchen. "Kein Hund darf dich jagen, / kein Jäger dich schießen" gemahnt nämlich an das Lied "Die Gedanken sind frei". Hier heißt es über die Gedanken: "Kein Mensch kann sie wissen / kein Jäger erschießen". Dieses Lied wurde in deutschen Konzentrationslagern gesummt und manchmal auch leise gesungen. Aber auch schon vor dem NS-Regime galt das Lied als ein Fanal des inneren Widerstandes. Theobaldy dementiert den hoffnungsvollen Frohsinn dieses Liedes. Die Sorglosigkeit des Borstenviehs, das um seine Gefährdung nicht weiß, war immer schon eine Metapher für das allzu schläfrige und mithin zukunftslose Sekuritätsbewußtsein der Menschen. Aber hören wir hier eigentlich eine Kritik? Vielleicht. Hauptsächlich scheint jedoch die Sorge durch, daß des Schlachters Hände angenehm kribbeln und die Massenmordabsicht nicht begriffen wird. Es geht um das Humanum, nicht nur um die Tierwelt.

          Theobaldy ist die Gratwanderung jedoch gelungen. Die Tiere mißbraucht er keineswegs nur als Fabel-Transporteure für menschliche Angelegenheiten. Er gesteht ihnen das Eigen-Sein zu. Im Gedicht "Strich mit langem i" gedenkt er eines plattgewalzten Igels: "Das Amt verbucht die Straßengebühren, / in die sich Fahrer und Igel teilen. / Ach, schrieben sie Eagle! / Ein Konjunktiv entflöge dem Etat."

          Mahnung und Aufschrei kommen bei Theobaldy gedämpft daher. So gedämpft, daß man die Absicht zwar bemerkt, aber doch nie verstimmt ist. Im allerwörtlichsten Sinn erweist sicht der Autor als Metaphysiker. Er blickt auf das, was hinter Mensch und Tier steht: auf die Trauer des Schöpfers, den Schmerz der Kreatur. Theobaldy gehört schon deswegen zu den stärksten Stimmen der deutschsprachigen Lyrik, weil er es nicht nötig hat, seine Stimme zu überanstrengen.

          MARTIN THOEMMES

          Jürgen Theobaldy: "Immer wieder alles". Gedichte. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2000. 47 S., geb., 34,- DM.

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