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Rezension: Belletristik : Schwaches Fleisch, starker Abgang

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Komik wie Tragik scheinen sich in der amerikanischen Kultur aus dem doppelten, zugleich befreienden und einengenden Versprechen der protestantischen Sekten herleiten zu lassen, die jedem versprochen hatten, er sei seines eigenen Glückes Schmied und könne eine exklusive, persönliche (und möglicherweise auch sehr seltsame) Beziehung zum Absoluten erfinden und unterhalten.

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          Komik wie Tragik scheinen sich in der amerikanischen Kultur aus dem doppelten, zugleich befreienden und einengenden Versprechen der protestantischen Sekten herleiten zu lassen, die jedem versprochen hatten, er sei seines eigenen Glückes Schmied und könne eine exklusive, persönliche (und möglicherweise auch sehr seltsame) Beziehung zum Absoluten erfinden und unterhalten. Dieses Versprechen hat die turbulent-komischen wie die tragischen Konflikte und Kompromisse zwischen Rechtschaffenheit und Ausgeflipptheit, Triebverzicht und Glückssuche, protestantischem Spießer und protestantischem Bohemien ins Werk gesetzt, die von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" bis zum Film "The Big Lebowski" der Brüder Coen jene innerprotestantischen Fraktionierungskämpfe zu einem längst universal gewordenen Element der zeitgenössischen Weltkultur gemacht haben, ein kultureller Archetypus, den man versuchsweise als "Lebowskisches Schema" bezeichnen könnte.

          "Sie wollte den Wettstreit", heißt es in einer der in dem Band "Schluß mit cool" versammelten neuen Geschichten von T. C. Boyle, "und sie wollte ihn gewinnen - immer glänzte da vor ihr als schillernde Ikone das Bild des Triumphs. Und wenn sie mal einen Durchhänger hatte, wenn Schnupfen oder Grippe an ihren Reserven zehrten und sie im eisigen Wasser des Pazifik oder im teuflischen Wind oben am San Marcos Pass den Mann mit dem Hammer zu spüren bekam, peitschte sie sich weiter nach vorn, trieb sich an mit einer inneren Reitgerte, die weder Ausreden akzeptierte noch Ausnahmen für das schwache Fleisch gewährte. Sie war achtundzwanzig und bereit, die Welt zu erobern."

          So beispielsweise beschreibt Boyle in einer Geschichte den asketisch-erfolgsorientierten Pol jenes protestantischen Dilemmas, eine vom Marathonlaufen, dem Geldverdienen und dem Traum von der ewigen Jugend besessene Angestellte. Und so sieht ihr Antagonist aus: "Jason Barre dagegen, der dreiunddreißigjährige Surf-Tauch-Shop-Besitzer, mit dem sie seit etwa neun Monaten ziemlich regelmäßig ausging, schien wahrlich keinen Funken von Konkurrenzgeist zu besitzen . . . Jason war leidenschaftlicher Surfer, atmete gern Zigarettendunst in Sportkneipen, hatte ständig ein schläfriges kalifornisches Grinsen auf dem Gesicht, Plastiksandalen an den Füßen, und von der Taille abwärts war er bekleidet mit verblichenen Schlabberschorts, die nur mühsam von seinem sanft herabhängenden Bierbauch und dem Zwillingsanker der Hüftknochen gehalten wurden."

          Es gehört zu den Regeln jenes "Lebowskischen Schemas", daß sich der Erzähler mit seinen Sympathien auf keine der beiden Seiten des protestantischen Dilemmas stellt. Und so findet sich, soweit man sehen kann, in diesen Geschichten eigentlich keine wirklich sympathische Figur. Sie sind bevölkert von Menschen, die man mit einem unübersetzbaren angelsächsischen Ausdruck am treffendsten bezeichnet als "people you love to hate". Und doch schreibt eine sadistische und ebenfalls sehr protestantische Grundhaltung vor, daß der Loser in jenen Geschichten dann eigentlich doch jedesmal siegt, auf wie dreckige und hinterhältige Weise auch immer.

          T. C. Boyle, ein populistischer und technisch versierter Erzählprofi, spinnt seine Leser meist schon in den ersten Zeilen in eine komplizenhafte Parteigängerschaft mit dieser sadistisch-protestantischen Schadenfreude ein. So in der zitierten Geschichte, wenn Beachboy Jason seiner Freundin, nachdem er ihr "schwaches Fleisch" am Abend vor dem alles entscheidenden Marathon bereits mit seinem Verlangen nach Geschlechtsverkehr geschwächt hatte, einen Cocktail aus Beruhigungsmitteln in Obstsaft zureicht: den Schierlingsbecher, der seiner Amazone dann bald genug die Bekanntschaft mit "dem Mann mit dem Hammer" verschaffen wird.

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