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Rezension: Belletristik : Schuld und Bühne

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Die Nachwelt, das weiß jeder Mime genau, wird ihm keine Kränze flechten, zu flüchtig ist sogar noch die umjubeltste Theaterkunst - am besten also, sich eigenhändig beizeiten um den postmortalen Lorbeer zu kümmern. Doch wenn ein begnadeter Komödiant wie Curt Bois (1901 bis 1991) die Sache in Szene setzt, sind Pathos und Rührseligkeit auf keinen Fall zu erwarten.

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          Die Nachwelt, das weiß jeder Mime genau, wird ihm keine Kränze flechten, zu flüchtig ist sogar noch die umjubeltste Theaterkunst - am besten also, sich eigenhändig beizeiten um den postmortalen Lorbeer zu kümmern. Doch wenn ein begnadeter Komödiant wie Curt Bois (1901 bis 1991) die Sache in Szene setzt, sind Pathos und Rührseligkeit auf keinen Fall zu erwarten. Lieber über den Schauspieler lachen als um ihn trauern, das hält ihn länger in Erinnerung, so ähnlich war seine Devise, zumal wenn es um die letzten Dinge ging.

          "Während draußen das Silvesterfeuerwerk abbrennt, sehe ich mir noch mal in dem Spiegel, der meinem Bett gegenübersteht, an, wie ich aussehe, wenn ich endlich tot sein würde. Die gefalteten Hände über dem kleinen Buch, meinem Traberalmanach, sehen echt aus. Störend ist, daß ich, um das zu prüfen, immer ein Auge halb öffnen muß. Auch fehlt eine weiße gesteppte Decke", notiert Bois am 31. Dezember 1964. Gut vier Monate später ist das gewünschte Utensil eingetroffen, "mit dem ich jetzt das richtige Foto machen kann, wie ich im Bett liege, wenn ich endlich tot bin".

          Bis es dann wirklich soweit war, vergingen zum Glück noch sechsundzwanzig Jahre, in denen der gebürtige Berliner, von 1962 bis 1978 festes Ensemblemitglied am Schiller- und Schloßparktheater, vor allem in seiner Heimatstadt auftrat, Ostteil inklusive: 1973 gastierte er am Berliner Ensemble als Kaiser von China in Brechts "Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher" (Regie: Peter Kupke und Wolfgang Pintzka), 1975 an der Staatsoper Unter den Linden als Frosch in der "Fledermaus". Freilich konnte selbst er nicht verhindern, daß diese unkonventionelle Inszenierung von Ruth Berghaus bereits nach wenigen Aufführungen wieder abgesetzt wurde. Auch für den gepflegten Autorenfilm hielt Curt Bois seinen Kopf hin, bei Rainer Werner Fassbinder etwa ("Die Sehnsucht der Veronika Voss") oder bei Markus Imhoof ("Das Boot ist voll"). Wim Wenders hob den fidelen Greis 1987 gar in den "Himmel über Berlin". Stets jedoch blieb Curt Bois, vom Kinderstar über den "Salonhumoristen" und Operettenfex schließlich unter Max Reinhardt zum Charakterkomiker gereift, was ihm Alfred Kerr schon Mitte der zwanziger Jahre attestiert hatte: der "Federgewichtsmeister in allen Künsten heiteren Theaters".

          Zum hundertsten Geburtstag dieses Ausnahmekünstlers sei an den 1984 erschienenen und nun wieder erhältlichen, von Curt Bois selbst zusammengestellten Band "So schlecht war mir noch nie" erinnert. Der Streifzug durch Tagebuchnotizen und Fotoalben bildet eine Art ironisch ausgewählter, amüsant-alberner Memoiren. Die mit etlichen schrägen Zeichnungen aus Bois' Feder angereicherte kuriose Kollekte skizziert zwar nur einen kurzen Abschnitt aus seinem Leben, denn die veröffentlichten Eintragungen stammen im wesentlichen aus den Jahren 1964 und 1965. Indes bildet sie bei aller Knappheit ein launiges Pars pro toto für sein Wirken und Wesen, Kalauern und Ulken. "So schlecht war mir noch nie" entstand in lebhafter Doppelconférence mit dem um achtunddreißig Jahre jüngeren hessischen Witzbold Wolfgang Deichsel als eines der von den beiden dutzendweise ersonnenen, aber ansonsten nie realisierten Projekte:

          Kalauerfestspiele, Schallplatten, Romane, Drehbücher, Theaterstücke ("Homer ist, wenn man trotzdem lacht"), eine Anthologie unter dem Titel "Schuld und Bühne" - Nonsens zuhauf und in seiner Originalität mit dem schönsten Vergnügen nachzulesen. Bois allerdings lacht auf den Fotos selten, erinnert in seiner verschlossen-grimmigen Mimik oft an die rätselhaften Pokerfaces der Stummfilm-Zeit. Als Charleys ermattete Tante hockt er 1928 mit tieftraurigem Blick in Abendkleid und Perlenschmuck auf dem Sofa, als lebenshungriger Sorin schaut er in "Die Möwe" 1968 mit schweren Lidern Richtung Bühnenhimmel. Kein Schelm, wer so viel ausgestelltem Ernst auf Dauer traut. Denn was dahintersteckt, zeigt ein Schnappschuß Fritz Kortners, dem bei einer Probe vor Lachen fast die Zigarre aus dem Mund fällt, während er Bois' Kunststücke bewundert. "Dieses manisch-depressive, selbstzerstörerische Geschöpf muß schon im Mutterleib frenetisch komisch und ebenso verzweifelt gewesen sein", schrieb er in seinen Memoiren über ihn und zog dabei sozusagen die Narrenkappe: "Das schauspielerisch Erlernbare schien ihm unerreichbar, das Unerlernbare ist ihm gegeben."

          IRENE BAZINGER

          Curt Bois: "So schlecht war mir noch nie." Aus meinem Tagebuch. Mitarbeit: Wolfgang Deichsel. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2001. 87 S., geb., Abb., 12,- DM.

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