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Rezension: Belletristik : Schnee im Oktober

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Melitta Brezniks beeindruckender "Nachtdienst" / Von Hubert Spiegel

          Bald wird der Vater tot sein. Er wird einen gewöhnlichen, modernen, einen zeitgemäßen Tod sterben: Allein in einem Krankenhausbett, unbemerkt von seinen Pflegern, alleingelassen von der Familie - "Es ist nicht mehr üblich, beim Sterben dabeizusein", hat die Erzählerin bereits auf den ersten Seiten gesagt, die von der Obduktion eines namenlosen Alkoholikers berichten, aber den Tod des Vaters meinen. Noch bevor der Vater vom Pflegeheim ins Krankenhaus überstellt wird, räumen die Kinder die Wohnung des Alten aus. Das mag voreilig scheinen, aber in der Familie, von der Melitta Brezniks Debüterzählung "Nachtdienst" berichtet, würde der Wille zur Pietät doch nur als Heuchelei empfunden.

          Die Tochter sitzt auf dem Bett ihres früheren Zimmers und betrachtet das brüchig gewordene Linoleum auf dem Fußboden. Als sie dreizehn war, hat sie Stunden so verbracht: den Blick auf den Boden geheftet, versunken in den Versuch, in dem Gewirr aus "braunen kleinen Vierecken auf beigem Grund, zusammengewürfelt in größeren Karos", eine Ordnung zu finden, irgendeine Gesetzmäßigkeit. Das Muster im Teppich ist das Rätsel, das die Dreizehnjährige lösen muß, um die Welt aus dem Chaos zu erlösen. Vom Muster im Teppich hängt alles ab: "Dann würde ich Glück haben, Vater würde an diesem Abend nicht betrunken nach Hause kommen, Mutter würde trotz ihres Herzleidens steinalt und ich erhielte gute Noten oder ein Fahrrad zu Ostern." Was aber, wenn es gar kein Muster gibt?

          Melitta Breznik verliert kein weiteres Wort über das Muster im Teppich. Sie sagt nicht, wann das Mädchen, das die Ich-Erzählerin einmal gewesen ist, aufgehört hat zu suchen, ob sie überhaupt je die Suche aufgegeben hat. Sie sagt nichts von der Leere, die den brütend auf dem Bett verbrachten Stunden gefolgt sein muß, nichts von der Verzweiflung, wenn der Vater wieder einmal betrunken nach Hause gekommen war, bevor sich das Muster gezeigt hatte. Sie versagt sich jede Anspielung auf Henry James' berühmte, erzähltheoretisch unterfütterte Erzählung "Das Muster im Teppich", amüsiert sich nicht über die kindlichen Versuche, Ordnung in eine heillose Welt zu bringen, und widersteht der Versuchung, jetzt, im Abstand von zwei Jahrzehnten, dem eigenen Leben eine Struktur zu geben, die es nie besessen hat. "Es stimmt nicht, daß mir das Schreiben genützt hat", so lautet ein Satz in Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück". Er könnte auch über Melitta Brezniks Erzählung stehen.

          Der Auseinandersetzung mit den Eltern, den Abschieden und Abrechnungen, Abnabelungen und Wiederannäherungen ist in der Literaturgeschichte der Bundesrepublik ein eigenes Kapitel gewidmet. Man findet es unter den Überschriften "Väterliteratur", "Bewältigungsliteratur" oder auch "Subjektivität und Autobiographie". Der "Abschied von den Eltern", den sich Peter Weiss 1961 erschrieben hatte, gehörte in den siebziger Jahren zum Pflichtprogramm einer Literatur, die mit dem Schlagwort von der "Neuen Innerlichkeit" so übel nicht charakterisiert war. Von Handke und Bernward Vespers "Reise" über Härtlings "Nachgetragene Liebe" und Elisabeth Plessens "Mitteilung an den Adel" bis zu Christoph Meckels "Suchbild" hatten viele dieser Bücher neben formalen und ästhetischen Gemeinsamkeiten oft auch einen gemeinsamen Anlaß: Es war, mit Peter Weiss zu sprechen, "die Erkenntnis eines gänzlich mißglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte beieinander ausgeharrt hatten".

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