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Rezension: Belletristik : Schlampenzauber

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Michael Schulte serviert Zitroneneis · Von Wolfgang Steuhl

          Wo denn die "gesellschaftliche Relevanz" bleibe, der "soziale Impetus", wird der Ich-Erzähler der in jeder Hinsicht ausschweifenden Geschichte "Bier" in Michael Schultes neuem Erzählband "Zitroneneis" gefragt. Zwar gehört der 1941 geborene Schulte zu dem Personenkreis, der sich mittlerweile das trostlose Etikett "Alt-Achtundsechziger" gefallen lassen muß; doch deuten schon die genannten Titel darauf hin, daß es mit der Erfüllung sozialkritischer Postulate in diesem Buch nicht weit her ist. Untersucht wird hier höchstens auf absonderliche, wenngleich gewitzte Weise (zum Beispiel in "Ärzte" das Wirken und die Machtlosigkeit zweier gegeneinander ausgespielter Seelenheilkundler gegenüber einer Person, die sich nach Belieben aus einer zusammenphantasierten Wirklichkeit bedient); kritisch konstatiert wird allenfalls, was in den Untiefen des Alltags ohnehin zu erwarten steht ("Es ist erstaunlich, wie gleichgültig der New Yorker reagiert, wenn man ihm ein Kruzifix vors Gesicht hält"); und statt gesellschaftsanalytisch begründete Ansprüche einzulösen, werden hier zwar Wünsche gewährt, freilich aber, wie in der bereits erwähnten Erzählung "Bier", mit eher unerwünschtem Resultat: Dem Anliegen eines Ich-Erzählers, der bei einer zauberkräftigen Partyschlampe eine Bitte frei hat und erklärt, zusammen mit seiner Begleiterin alt werden zu wollen, wird auf der Stelle entsprochen.

          Weil aber Schulte alles andere ist als ein affirmativer Realist oder quengelnder Befindlichkeitspoet, dafür jedoch ein Fabulierer von Ausnahmequalität, nimmt man ihm noch die unverschämtesten Flunkereien ab ("Ich bin Professor für Kirchenfenstermalerei und habe zwei Studenten", stellt sich die Erzählerfigur in "Antonius" vor). Forderten Aufmüpfige vor ungefähr dreißig Jahren Kuriositäten wie die "demokratische Beteiligung des Lesers am Kunstwerk" ein, so spielt Schulte mit den Erwartungen des Publikums in geradezu autoritärer Manier. Wenn es etwa um planerische Konfusion anläßlich eines Damenbesuchs (in "Fenster") geht, erhält man die ungerührt vorgebrachte Belehrung: "Das ist schlecht für die Geschichte, denn es ist spannender, wenn zwei Frauen gleichzeitig ankommen und der Ich-Erzähler nicht weiß, was er machen soll."

          Schultes Provokationen sind nicht nur als Köder ausgelegt, die beim Publikum den Willen zum Widerstand erst hochkitzeln, um ihn dann um so rascher dahinschwinden zu lassen. Sie dienen gleichsam als Hinweisschilder auf eine eigene poetische Wirklichkeit, der sich zwar gefälligst zu fügen hat, wer darin verweilen möchte, die aber gleichwohl den Handelnden - und darin besteht die oft bodenlose Ironie dieser Erzählungen - immer wieder völlig außer Kontrolle gerät. Leser, die sich Bestätigungen vorgefaßter Ansichten, bequem wiedererkennbare Manieriertheiten oder in Manifesten formulierbare Botschaften erwarten, haben von Schulte nichts zu hoffen. Was sie aber bekommen, ist Literatur voller Esprit und Tempo, so wie sie hierzulande zu allen Zeiten eher knapp gewesen ist.

          Michael Schulte: "Zitroneneis". Erzählungen. Verlagsbuchhandlung Schöffling & Co., Frankfurt am Main 1996. 260 S., geb., 36,- DM.

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