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Rezension: Belletristik : Schaum der Träume

  • Aktualisiert am

Alexandru Vonas vermauerte Fenster · Von Christoph Bartmann

          4 Min.

          Noch merkwürdiger als Alexandru Vonas Roman "Die vermauerten Fenster" sind die Umstände, derentwegen er fast fünfzig Jahre unveröffentlicht blieb. Erst 1993 kam "der beste rumänische Roman des Jahrhunderts", wie die Kritik nun befand, ohne Wissen des Autors in Bukarest heraus, zwei Jahre später erschien das Buch dann in einer von Vona überarbeiteten Übersetzung in Frankreich. Alexandru Vona war kein vergessener Schriftsteller, den es nun auf einmal wiederzuentdecken gilt; er ist schlicht unbekannt. Vona hat kaum publiziert und viele Jahrzehnte ein unauffälliges Leben als Bauingenieur in Paris geführt. Fast hört sich seine Biographie so an, als hätte jemand wie Wolfgang Hildesheimer sie erfunden. Da es den Autor aber tatsächlich gibt, wird man die Geschichte des modernen europäischen Romans um einen Nachtrag ergänzen müssen.

          Als Kind spaniolischer Eltern kam Alberto-Enrique Samuel Bejar y Major 1922 in Bukarest zur Welt. Seine Mutter stammte, wie übrigens auch Elias Canetti, aus dem bulgarischen Rustschuk. Mit vierzehn Jahren veröffentlichte Vona einen Gedichtband, mit fünfundzwanzig - er hatte inzwischen ein Mathematikstudium absolviert - brachte er in wenigen schlaflosen Wochen seinen ersten und einzigen Roman zu Papier: "Die vermauerten Fenster". Noch im selben Jahr verließ er mit seiner Frau Rumänien. Mexiko hieß das Ziel, doch man kam nur bis Paris. Dort wurde Vona bald mit Landsleuten wie Tristan Tzara, Mircea Eliade und E.-M. Cioran bekannt. Eliade drängte ihn zur Veröffentlichung seines Romans; desgleichen taten französische Freunde wie Roger Caillois und André Brïton. Paul Celan nahm die Übersetzung in Angriff, kam jedoch nicht über das erste Kapitel hinaus. Damit wäre Vonas literarische Laufbahn wohl beendet gewesen, hätte nicht sein früherer Bukarester Mentor Ovidiu Constantinescu nach Ende der Ceau_sescu-Ära den Durchschlag des Manuskripts aus dem Koffer geholt, in dem er es seit 1947 aufbewahrte. Constantinescu bot das Buch eigenmächtig einem Bukarester Verlag an. Die internationale Schriftstellerjury, die Vona nach dem französischen Erscheinen des Romans mit einem Preis bedachte, hatte recht, als sie ihn mit Proust, Kafka, Musil und Joyce in Verbindung brachte. Ebenso könnte man "Die vermauerten Fenster" in die Nachfolge von E. T. A. Hoffmann, Chamisso oder Alfred Kubin rücken. Dabei wirkt er keineswegs epigonal. Vonas Roman erinnert nicht nur an Spätromantik und klassische Moderne, er steht bereits am Übergang zu experimentellen Schreibweisen der Nachkriegszeit, etwa bei Beckett und Robbe-Grillet.

          In diesem Roman ist der Stoff nichts und die Stimmung alles. Wie in Äther getaucht sind seine Figuren, Gegenstände und Vorgänge. Nicht das Zwielicht einer getrübten Urteilskraft prägt seine Bilder, sondern der helle, kalte Schein einer extrem geschärften Wahrnehmung. "Traurig" heißt das erste Wort des Romans, und Traurigkeit bildet seine zentrale Gemüts-,Achse". Immerfort ist vom Schweigen, vom Traum, von der Einsamkeit, von Spiegeln und vom Schlaf die Rede. Das legt den Eindruck nahe, es hätte sich im chronisch verspäteten Rumänien einfach das spätromantisch-dekadente Repertoire etwas länger gehalten. Doch Vona ist ein zu ernsthafter Kundschafter des Seelenlebens, um bloß auf bewährte literarische Metaphern zurückzugreifen. Was ihm vorschwebt, ist die Komposition einer, seiner eigenen Welt. In ihr ist alles Stoffliche und damit auch der Mensch nicht sehr "dicht" beschaffen. "Die Beständigkeit dichter Menschen", läßt Vona einmal seinen Ich-Erzähler sagen, "ist eine nur scheinbare. Unbeweglichkeit und Beständigkeit sind zwei ganz und gar verschiedene Zustände. Über der Unbeweglichkeit der Meerespflanzen, die in einem Zyklus falscher Beständigkeit leben, hat lediglich der rollende und zerstiebende, wieder und wieder an der Oberfläche des Meeres - zugleich der Grenze der Atmosphäre - entstehende Schaum wirkliche Beständigkeit, unbeschadet der Millionen vergänglicher Formen, die er annimmt. Absichtlich verharre ich in dieser Kontaktzone, wo die Beständigkeit des Schaums gewahrt bleibt, weil ich sie nicht für zufällig halte." Die Achtlosigkeit, mit der er den vergänglichen Formen gegenübertritt, beruht auf der Ahnung, daß im Wachleben wie im Traum die Dinge sich "jeden Augenblick verwandeln können".

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