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Rezension: Belletristik : Schade um die schweren Zeiten

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Mindestens tausend Gramm: Heinz Ludwig Arnold versammelt deutsche Literatur nach 1945 / Von Robert Gernhardt

          Der Arnold' wird künftig in jeden Bücherschrank gehören", teilt mir der Deutsche Taschenbuch Verlag hoffnungsfroh mit und meint damit "die einzigartige Dokumentation gesamtdeutscher Literatur der Gründerjahre 1945-1960", die Heinz Ludwig Arnold zusammengestellt hat.

          "Der Arnold"? Na gut. Reden wir vorerst von dem "Arnold", fragen wir ihn ein wenig aus, um abschließend zu überlegen, ob dieser Neuerscheinung die Würde einer Namensgebung gebührt, die gemeinhin Werken zuteil wird, die ihren einzigartigen Nutzen über viele Jahre und in vielen Auflagen unter Beweis gestellt haben: der "Brockhaus", der "Duden", der "Steputat".

          Was bietet der "Arnold"? Laut Verlag "eine Originalausgabe in vier Bänden", die zusammengerechnet 2304 Seiten stark sind. Da diese vier Bände insgesamt sechzehn Jahre dokumentieren, geht es in Vierjahresschritten voran, von "Draußen vor der Tür" 1945-1948 über "Doppelleben" 1949-1952 und "Im Treibhaus" 1953-1956 bis zu "Die Wunderkinder" 1957-1960. Titel, die ihrerseits Buchtitel des jeweiligen Zeitraums zitieren oder paraphrasieren, das Drama Wolfgang Borcherts, den Rechenschaftsbericht Gottfried Benns, "Das Treibhaus" von Wolfgang Koeppen und "Wir Wunderkinder" von Hugo Hartung - eine hilfreiche Gliederung, die bereits andeutet, was der "Arnold" laut Arnolds Vorbemerkung bieten will: "Eine Mischung, gewonnen aus subjektiver Einschätzung und objektivem Anspruch, ein Querschnitt, der keinen literarischen Kanon vorstellen, aber doch auch bis in kleinere Verästelungen des literarischen Entwicklungsprozesses hinein repräsentativ sein will". Kein Kanon, keine Blütenlese deutscher Nachkriegsdichtung - was dann? "Ein Zeitroman sollte entstehen in wachsenden Bezügen und Verflechtungen."

          Ein Roman? Mir kommt der "Arnold" eher wie ein Chorwerk vor, aufgeführt von lauter unterschiedlich disponierten und inspirierten Solisten. Das hätte in Kakophonie enden können, würde nicht Arnolds ordnende Hand Themen akzentuieren, Stimmen zusammenführen, hervorheben oder beschneiden. Stimmenvielfalt erreicht dieser Dirigent überdies dadurch, daß er die Dichter nicht nur als Dichter zu Wort kommen läßt, sondern auch als Polemiker, Kritiker und Theoretiker; außerdem zitiert er Philosophen wie Jaspers zum Thema "Schuld" und Zeitgeschichtler und Zeitzeugen wie Kogon zum "SS-Staat". Daß trotz dieser Stimmführung keine Dirigentenwillkür waltet, liegt an den selbstauferlegten Gesetzen, nach denen Arnold den "Arnold" komponiert hat: Nie schaltet er sich kommentierend ein, stets ist der zitierte Text seinem Erscheinungsjahr zugeordnet, und meist sucht der Herausgeber dem selbstgesetzten Ziel gerecht zu werden: "Es wurden möglichst nur abgeschlossene Texte gedruckt. Aus umfangreicheren Texten wurden in sich geschlossene Sinneinheiten aufgenommen."

          Strenge Kriterien, die bei der Lektüre des "Arnold" hin und wieder rätseln lassen. "Das Thema, das wahrzunehmen Sie mir übertragen haben, heißt ,Schriftsteller unter der Hitler-Diktatur'", beginnt ein Text von Elisabeth Langgässer. Wer übertrug da wo, aus welchem Grund und wann? "Erstveröffentlichung: Ost und West 1947", heißt es im Nachweis. Wann wurde die Rede gehalten? Wann die von Alfred Kantorowicz, die ebenfalls in "Ost und West" erstveröffentlicht wurde? Kantorowicz sagt einleitend, Frau Langgässer habe "in ihrem schönen Referat die Probleme der inneren Emigration behandelt", und spricht sodann zum Thema "Deutsche Schriftsteller im Exil" - wer sorgte da bereits in früher Nachkriegszeit für soviel Ausgewogenheit? Alles Fragen, mit denen der "Arnold" die Leser allein läßt.

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