https://www.faz.net/-gr3-6qggc

Rezension: Belletristik : Schach dem schwarzen König

  • Aktualisiert am

Mit Tücken und Lücken: Lewis Carrolls "literarisches Gesamtwerk"

          5 Min.

          Lewis Carrolls bürgerlicher Name war Charles Lutwidge Dodgson. Er lebte als Pfarrer und Mathematiklehrer am Christ Church College in Oxford. In beiden Bereichen zählte er nicht zu den Liberalen, im Leben noch weniger. Keine Konvention, der er sich nicht beugte - je strenger, desto besser. Menschen, die seine Regeln mißachteten, mied er. Eine der wichtigsten Regeln war es, ihn nicht ungefragt auf seine Nonsense-Bücher anzusprechen, die er als privaten Spaß weit jenseits seiner bürgerlichen Existenz betrachtete. Charles Lutwidge Dodgson starb vor hundert Jahren, am 14. Januar 1898.

          Viele Leser haben sich seither gefragt, wie der staubtrockene Don in seinen Geschichten so viel Phantasie entwickeln konnte. Seine Musen waren zweifellos Kinder, vornehmlich Mädchen im Alter von ungefähr acht Jahren. In ihrer Gesellschaft wurde der stotternde, wortkarge Mann zu dem funkensprühenden Geschichtenerzähler, den wir uns heute unter dem Namen Lewis Carroll vorstellen. "Alice im Wunderland" und "Alice in der Spiegelwelt", die 1865 und 1872 erschienen, beruhen auf Stegreiferzählungen, mit denen er seine kleinen Freundinnen unterhielt.

          Dennoch, Lewis Carroll war kein Verwandter der in sich gespaltenen Doppelgängerfiguren des neunzehnten Jahrhunderts. Sieht man es unter dem Aspekt der Formstrenge, paßt alles sogar recht gut zusammen: der Puritanismus, die Mathematik und auch der Nonsense. Man hält die Nonsense-Dichtung gern für eine Welt fröhlicher Anarchie, wo jeder verfahren kann, wie es ihm beliebt. Das Gegenteil ist der Fall. Nonsense springt unablässig zwischen Unsinn und Sinn. Er sucht die Regel, die die Ausnahme bestätigt, nimmt wörtlich, was nicht wörtlich zu nehmen ist. Und Carroll war der Regelhafteste von allen. Seine Wunderlandwesen handeln gewiß nicht vernünftig, aber nach ihren jeweiligen Gesetzen äußerst konsequent.

          Der Hutmacher muß verrückt spielen, weil das die Redensart verlangt. "Mad as a hatter", sagt man im Englischen. Da seine Uhr zur Teestunde stehengeblieben ist, trinkt er für den Rest seines Lebens Tee. Alice bekommt keinen Tee, als sie sein Haus besucht, nur die reichlich verspätete Aufforderung, sie möge doch noch mehr davon nehmen. Wie denn, entgegnet die wütende Alice, sie habe ja noch gar keinen gehabt. Aber solche Einwände erscheinen dem Hutmacher blödsinnig. "Du meinst, du kannst nicht weniger bekommen", belehrt er sie. "Mehr als nichts zu bekommen ist sehr einfach." Wer, wenn nicht ein Mathematiker, sollte eine solche Welt ersonnen haben?

          Auch als Schriftsteller war Lewis Carroll ein Pedant. "Alice im Wunderland" war sein literarisches Debüt. Dennoch wußte er genau, wie das Buch aussehen sollte, und enervierte seinen Verleger Alexander Macmillan mit Anweisungen aller Art. Selbst achtbarer Zeichner und begabter Fotograf, prüfte er die Arbeiten der Illustratoren mit der Lupe. Gegen den Rat Macmillans, der das Buch für unübersetzbar hielt, sah er sich schon bald nach geeigneten Übersetzern um. Besonders lag Carroll das Deutsche am Herzen, eine damals für Mathematiker wichtige Sprache, die er auch selbst recht gut verstand. Eine Tante machte ihn schließlich mit der Lehrerin Antonie Zimmermann bekannt, die sich für das Projekt begeisterte. Das zu erwartende Desaster blieb aus. Am 26. Januar 1869 konnte Carroll stolz an seine kleine Brieffreundin Mary McDonald schreiben: "Lernst Du zufällig Deutsch - oder willst Du es lernen? Wenn ja, laß es mich wissen, und Du sollst die ,Alice' in dieser abstrusen Sprache bekommen."

          Weitere Themen

          Herkunft ganz genau genommen

          Fraktur : Herkunft ganz genau genommen

          Handke hat uns gelehrt, dass Herkunft viel weiter als bloß national gedacht werden muss – sonst kommen die deutschen IS-Kämpfer tatsächlich noch hierher.

          Topmeldungen

          „Hirntod“ der Nato? : Maas macht mobil

          Der deutsche Außenminister versucht Emmanuel Macron den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bei der Nato ist der Ärger über den französischen Präsidenten groß.
          Jedes Kind ist anders. „Es wäre schön, wenn Eltern es schaffen, ihre Kinder auf deren Kanal zu erreichen“, sagt Expertin Döpfner.

          Tipps für Eltern : Wie wir unsere Kinder zum Reden bringen

          „Wie war’s in der Schule?“ – „Gut“: Je mehr Eltern ihren Nachwuchs ausfragen, desto mehr zieht er sich zurück. Dabei gibt es ein paar einfache Tricks, um mit den eigenen Kindern vertrauensvoll ins Gespräch zu kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.