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Rezension: Belletristik : Rom: Ankunft der Schriftsteller im Wartesaal der Geschichte

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Die ideale Welthauptstadt in den Augen von Wolfgang Koeppen, Marie Luise Kaschnitz, Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Bernhard und anderen

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          Als Berlin zerstört und Paris passé war und dort, wo der Rhein floss, tiefer denn je die Wunde klaffte, blieb eine Stadt bestehen: Rom, die "einzige", die "unentrinnbare", die "rettende", die "Erzstadt". Seit anderthalb Jahrtausenden lag sie in Ruinen und dauerte doch fort, stets zu Wiederaufbauten bereit wie nur eine Freud'sche Seele. "Rom ist noch da", sagte sich das reisende und schreibende Subjekt der Nachkriegszeit, "und wenn Rom fortdauert, dann müssen auch wir weiter bestehen." Während Paris, von Berlin vergewaltigt und dann von New York enteignet, abermals zum imaginären Ort melancholischer Reminiszenzen an die flüchtigen und unglücklichen Jugendlieben der Deutschen entrückte, konnte Rom, die Rivalin im Buhlen um die Antike der Moderne, ihre angestammte Position als ideale Welthauptstadt erneuern. Als wären sie von der Zeit und der Geschichte unberührt geblieben, ließen sich die Bindungen an die Ewige Stadt auch angesichts der zweiten Katastrophe wieder beleben und mit den erlittenen Zivilisationsschäden verrechnen.

          Wilhelm Hausenstein, einer der künftigen Hauptvertreter der "inneren Emigration", hatte im Rom-Kapitel seiner "Europäischen Hauptstädte" von 1932 die Paradoxie der "unentrinnbaren Stadt" formuliert: Rom, das sei "schlichte Gegenwart vor unseren Augen, genau so, als gäbe es in der geschichtlichsten Stadt der Erde, in Rom, gerade in Rom, überhaupt keine Historie". An solch andauernder Gegenwart des Vergangenen, für die nichts in die düsteren Verliese des Vergangenen zurückgestürzt sei, ließ sich nach dem zweiten großen Krieg wieder anknüpfen. "Es ist noch alles da, die ganze funkelnde Schatzkammer des Gewesenen, alle Schauplätze gegenwärtigen Lebens sind noch da", so eröffnet Marie Luise Kaschnitz bei ihrer ersten Wiederbegegnung mit Rom im Jahre 1946 eine neue Folie auf der alten, zuletzt von den Protagonisten der Zwischenkriegszeit beschrifteten Unterlage. Auch die Kaschnitz zeichnet ihr "Hier bin ich", denn "ungetroffen von dem furchtbaren Schatten des Niewieder" steigen "die Bilder der Erinnerung" bei der Einfahrt in den Bahnhof auf: ",Roma Termini', Ende sehnsüchtiger Wanderschaft, Anfang und Ende einer Welt."

          Die Nachkriegszeit währte lange, denn noch Mitte der fünfziger Jahre finden sich am Eingang von Wolfgang Koeppens Reiseessay "Neuer römischer Cicerone" die Worte: "Rom, sein Bahnhof, die Zivilisation empfangen dich wie ihren schon verloren geglaubten Sohn." Auch hier gerät die Ankunftsstation zum Schauplatz einer geglückten Heimkehr: Beim ersten Espresso auf der Bahnsteigterrasse darf der Reisende die alte arkadische Weise "Ich bin in Rom, ich bin in Rom" anstimmen und sich gerettet fühlen, auch wenn er seine Fahrt in Berlin, dem in Schutt und Asche versunkenen Vineta des zwanzigsten Jahrhunderts, angetreten hat. Während der Dauer seines Fernwehs hatten ihm dort Trakls Worte "In der zerstörten Stadt richtet die Nacht schwarze Zelte auf" in den Ohren geklungen und die als Kind betrachteten römischen Ruinenansichten eines Piranesi vor Augen gestanden. Steinalt und doch unverbraucht sind nur die originalen römischen Schauplätze: "An jedem Tag war die Stadt modern. Es ist kein Unterschied zwischen einst und jetzt."

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