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Rezension: Belletristik : Reise einer alten Dynastie in den Kölner Karneval

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Es muß sein: Herbert Rosendorfer schreibt "Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit" / Von Walter Hinck

          3 Min.

          Vor anderthalb Jahrzehnten erschienen Herbert Rosendorfers "Briefe in die chinesische Vergangenheit". Zwei berühmte Vorbilder und Modelle der Weltliteratur meldeten ihre Patenschaft an: Montesquieus "Lettres Persanes" (1721) und Herbert George Wells "The Time Machine" (1895). Montesquieu läßt die Perspektiven zweier Kulturen aufeinanderprallen und aus den Erlebnissen persischer Besucher Frankreichs ein kritisches Bild der Pariser Gesellschaft entstehen: die Fremden sehen genauer. Wells Zeitmaschine entführt den Zeitreisenden bei seiner ersten Unternehmung in eine paradiesische Idylle, auf deren Nachtseite mörderische Wesen lauern. Konservativ war die Sittenkritik des einen, pessimistisch die Fortschrittserwartung des anderen Autors. In Rosendorfers Roman versetzt die Zeitmaschine einen kunstsinnigen chinesischen Mandarin aus der Sung-Dynastie (zehntes Jahrhundert) ins zwanzigste Jahrhundert und nach München (Min-chen), von wo er einem zurückgebliebenen Freund in reportagehaften Briefen berichtet. Rosendorfer gab diesen 37 Briefen die Phantasie, den Humor und den Witz eines erfahrenen Erzählers mit. Das Buch wurde ein Bestseller.

          Und nun die Fortsetzung, "Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit" unter dem Titel "Die große Umwendung". Diesmal greift Kao-tai zu seiner Zeitmaschine wie zu einem Notanker. Er ist in Ungnade gefallen und entflieht einem Todesurteil. Aber nicht in München landet er jetzt, sondern in der Stadt, die Sitz des neuen Verlags von Rosendorfer ist. Diese Stadt gibt sich auch ohne Namensnennung zu erkennen: durch einen riesigen Auflauf schunkelnder, torkelnder, übergeschnappter Menschen, durch die sich ein Wagenzug mit den verrücktesten Pappgestalten den Weg bahnt. Kurz, Kao-tai ist mitten im Kölner Karneval gelandet.

          Mit dem Titel "Die große Umwendung" meint aber Rosendorfer nicht seinen Verlagswechsel (von der Nymphenburger Verlagsbuchhandlung zu Kiepenheuer & Witsch), sondern die politische "Wende", die deutsche Wiedervereinigung. Sie allein macht eine Fortsetzung des Romans erst sinnvoll. Aber wie bei jeder Nachbereitung eines erfolgreichen Buches hat auch hier der originelle, schöne Einfall Federn lassen müssen. Dem Leser entgeht nicht, daß aus einem Konzept ein Rezept geworden ist.

          Wie zieht sich Rosendorfer aus der Verlegenheit? Vor allem, wie der Titel ankündigt, durch die Verlegung der Entdeckungszüge in die neuen Bundesländer: Es verschlägt Kao-tai nach Leipzig und in andere Orte Ostdeutschlands, er wundert sich über alte DDR- und neue Ossi-Mentalität, macht Bekanntschaft mit Ledermännern, die sich als Schlägertrupps, mit Vietnamesen, die sich als Zigaretten-Mafia, und mit Chinarestaurant-Wirten, die sich als Vietnamesen enthüllen.

          Einem gelehrten Freund, den wir schon aus dem ersten Roman kennen, fliegt er nach New York nach und erschrickt dort über den horrenden Gegensatz von Arm und Reich. Auf dem Rückflug lernt er einen Kaiser kennen - nicht einen europäischen Thronkollegen des Kaisers von China, sondern einen Sportler, den seine Verehrer so nennen. Dieser "Kindergesäßgesichtige" nimmt ihn mit in eine riesige Münchner "Schüssel ohne Deckel", wo kurzbehoste Männer damit beschäftigt sind, einem "hüpfenden Ball aus Leder" nachzulaufen und "den Rasen zu zertreten". Ein Höhepunkt aber ist der Besuch in einer Stadt zwischen München und Leipzig, die das "allerangesehenste musikalische Unterhaltungshaus" besitzt. Hier erlebt er die siebenstündige Aufführung des "Parsifal" (Pan-sing-fan). Anwesend ist der leibhaftige Enkel des Meisters, vor dem der in Hofetiketten Geschulte glaubt, niederknien zu müssen.

          Rosendorfer setzt mehr auf den Humor als auf die Satire. Im Unterschied zur konservativen Kritik Montesquieus und zu den Katastrophenvisionen von Wells bleibt sein Spott mit Wohlwollen, sein Kassandraruf mit Beschwichtigung gepaart. Das liegt daran, daß er im Grunde mit dieser Gesellschaft mehr oder weniger zufrieden ist, ja gerade mit der Veränderungssucht hadert. Klagen über den Götzen Geld und die neue weltweite Macht des Computers (des ES-Kastens) setzen eine ältere Linie der Kommerz- und Zivilisationskritik fort. Am konservativsten gibt sich der neue Roman in der humoristischen Herabsetzung neuer Stile und Moden der bildenden Kunst. Das alte satirische Muster der Enthüllung gesellschaftlicher Fehlentwicklungen durch den Fremden wird bei Rosendorfer zum überwiegend artistischen Muster, zum erzählerischen Spiel.

          Nicht von ungefähr gerät Kao-tai als Hilfsarbeiter in die Welt des Zirkus, der Artisten. Rosendorfer erfindet immer neue Situationen, in denen aus Unwissen Entdeckungen hervorgehen. Aber mit der Zeit richtet sich die Spannung nicht mehr so sehr auf Kao-tais verwunderte Reaktionen, sondern darauf, wie er die beobachtete Wirklichkeit mit dem Sprachrepertoire seiner Erfahrungswelt des zehnten Jahrhunderts beschreibt (zum Beispiel "fahrbarer Eisenschlauch" für Eisenbahn, "Drachenritt" für Flug). Da öffnet sich dem Autor ein weites Feld für Sprachkomik.

          Natürlich fehlt auch der Rückverweis auf die ersten "Briefe in die chinesische Vergangenheit" nicht. Man präsentiert Kao-tai das Buch, und mit Schrecken hört er, wie viele Menschen Mitleser seiner Briefe waren: "Zehn mal hunderttausend solcher Büchlein wurden bis jetzt verkauft." Am Ende wird noch einmal die Zeitmaschine gebraucht. Der Rückweg des in China wieder erwünschten Kao-tai ist gesichert, der Weg des neuen Buches zu den Lesern wohl auch.

          Herbert Rosendorfer: "Die große Umwendung. Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997. 208 S., geb., 36,- DM.

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