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Rezension: Belletristik : Prinz Jussuf in Theben

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"Wie ich zum Zeichnen kam? Wahrscheinlich so: meinen Buchstaben ging die Blüte auf - über Nacht." So schildert Else Lasker-Schüler in einem Prosastück von 1927 mit dem ihr eigenen Hang zur Selbststilisierung den Beginn ihres zeichnerischen Schaffens und verweist damit auf die enge Verbindung zwischen diesem und ihrem poetischen Werk.

          "Wie ich zum Zeichnen kam? Wahrscheinlich so: meinen Buchstaben ging die Blüte auf - über Nacht." So schildert Else Lasker-Schüler in einem Prosastück von 1927 mit dem ihr eigenen Hang zur Selbststilisierung den Beginn ihres zeichnerischen Schaffens und verweist damit auf die enge Verbindung zwischen diesem und ihrem poetischen Werk. Die Symbiose läßt sich nun anhand der Neuauflage des 1923 erstmals erschienenen Bandes "Theben. Gedichte und Bilder" nachvollziehen.

          Der Band "Theben", der damals im Querschnitt-Verlag Frankfurt als 24. Flechtheim-Druck in einer Auflage von zweihundertfünfzig Exemplaren herausgegeben wurde, ist kein schlichter Gedichtband, sondern versammelt zehn liebevoll lithographierte handgeschriebene Gedichte, denen je eine lithographierte Tuschezeichnung gegenübergestellt ist. In einer Vorzugsausgabe von fünfzig Stück hatte Lasker-Schüler die Bilder handkoloriert. Exemplar Nr. 6/50, farbig besonders liebevoll gestaltet und gut erhalten, bildet die Grundlage für den jetzt vorliegenden Nachdruck, dem in einem Anhang die zehn Gedichte in Transkription und ein Nachwort der Herausgeberin Ricarda Dick beigefügt sind.

          Lasker-Schüler hatte selbst für "Theben" zehn Gedichte aus vorangegangenen Veröffentlichungen ausgewählt, unter anderem aus "Hebräische Balladen" (1913) und "Meine Wunder" (1914). Ihre Auswahl versammelt so bekannte Gedichte wie "Mein Volk", "Versöhnung" oder "Ein alter Tibetteppich", das Karl Kraus "zu den entzückendsten und ergreifendsten" zählte, die er je gelesen hatte. Auch die Zeichnungen entstanden nicht eigens für den Band, sondern 1922 während eines Sommeraufenthaltes von Lasker-Schüler im Ostseebad Kolberg.

          Das von der Autorin gerne angewandte Verfahren des Neukombinierens von bestehendem Material liegt auch "Theben" zugrunde, dessen Titel weniger den realen Ort als einen Schauplatz ihres radikal poetischen Weltentwurfs benennt. Die sich gegenüberstehenden Texte und Bilder treten in eine Wechselbeziehung. Der melancholische Grundton der Gedichte wird von den farbigen Grafiken konterkariert, Textinhalte erhalten in der Zusammenschau mit den Zeichnungen neue Facetten und umgekehrt.

          So steht etwa dem Gedicht "Meine Mutter" die Illustration "Jussuf modelliert seine Mutter" gegenüber. Während die Verse von der Abwesenheit der toten Mutter und einem Gefühl der Einsamkeit sprechen, zeigt das Bild, wie Prinz Jussuf, poetisches Alter ego Lasker-Schülers, vor dem Hintergrund einer bunten orientalischen Stadt im Modellieren einer Mutterfigur aus Lehm oder Ton mit dieser eins zu werden scheint. Die "Gedicht-Sprache" beschreibt den Verlust, die "Zeichen-Sprache" erschafft die verlorene Mutter neu.

          Durch das verweisungsreiche Zusammenspiel zwischen gezeichneten und Sprach-Bildern wird "Theben" zu einer Schatztruhe, die ein Zeugnis von Lasker-Schülers poetischer und graphischer Doppelbegabung abgibt. Lasker-Schüler selbst bezeichnet in einem Brief vom 23. Juni 1923 kurz nach Erscheinen von "Theben" das Buch als "new verry large Luxusbook" und fügt hinzu "verry verry beautiful a Schmuck. Jou must look it." Wenn man in der Regel dem Urteil eines Autors über Eigenes zunächst besser mißtraut - hier kann man gerne zustimmen.

          BEATE TRÖGER

          Else Lasker-Schüler: "Theben". Gedichte und Bilder. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ricarda Dick. Jüdischer Verlag Frankfurt am Main 2002. 62 S., geb., 24,- [Euro].

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