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Rezension: Belletristik : Postmoderner Parzival

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Polnische Männer zwischen Vierzig und Fünfzig pflegen häufig einen Habitus der Selbstdarstellung, der existentielle Tiefe, politische Kompromißlosigkeit oder künstlerische Kreativität durch ostentative Gleichgültigkeit gegen äußere Erscheinung, konventionelle Umgangsformen, akzeptable Leberwerte, gesellschaftsfähige ...

          Polnische Männer zwischen Vierzig und Fünfzig pflegen häufig einen Habitus der Selbstdarstellung, der existentielle Tiefe, politische Kompromißlosigkeit oder künstlerische Kreativität durch ostentative Gleichgültigkeit gegen äußere Erscheinung, konventionelle Umgangsformen, akzeptable Leberwerte, gesellschaftsfähige Ausdrucksweisen und gepflegte Inneneinrichtung darstellt. Diese gesellschaftliche Technik - eine Art Kriegsrecht-Machismo - ist dem deutschen Publikum zuletzt in den Büchern Andrzej Stasiuks entgegengetreten. In Piotr Siemions Debütroman "Picknick am Ende der Nacht" bekommt sie der Protagonist, ein namentlich von der ersten bis zur letzten Zeile ungenannter "Engländer", eingangs und in der Schlußszene hautnah zu spüren: Zweimal wirft man ihn vor den Toren des Breslauer Zoos in die Oder.

          Die erste dieser profanen Taufzeremonien widerfährt einem jungen Theaterpraktikanten zu Beginn der achtziger Jahre, in einer durch das Kriegsrecht gelähmten Stadt, in der vorsintflutliche Straßenbahnen sich quietschend durch schwefelstinkende Novemberluft quälen und man jederzeit von der Polizeisondereinheit ZOMO aufgegriffen, schikaniert und eingesperrt werden kann; ihre heitere und optimistische Reprise, das eigentliche "Picknick am Ende der Nacht", ist ins Jahr 1991 datiert: "Jetzt standen sie alle drei bis zur Taille im Fluß und lachten so laut wie noch nie in ihrem Leben", während sich aus den Wirren eines turbulenten und zukunftsträchtigen Wildwest-Kapitalismus, über den jener Engländer einen Dokumentarfilm für die BBC dreht, eine glückliche europäische Normalität hervorarbeitet.

          Von 1983 bis 1991 verfolgt Piotr Siemions Roman in einer Welthaltigkeit, die er streckenweise nur mit den Mitteln einer Art Kolportageversion des magischen Realismus bewälltigen kann, die Schicksale seiner Generation zwischen Totalitarismus, Emigration und Neuanfang an den Wegen einer Handvoll jener von Kriegsrecht und Widerstand geprägten Leute zwischen Breslau, Manhattan und dem neuen Polen der Jahrhundertwende. Die wilden Parties in Breslau und New York, die grellen Interieurs und Stadtlandschaften, die nicht immer glücklich übersetzten (aber im Grunde wohl sowieso unübersetzbaren) Slang-Dialoge, die cool oder abgerissen in jedem Detail erkennbaren und glaubwürdigen Personen dieses Romans sind mit einer leichthändigen und manchmal geradezu grausig eindringlichen Virtuosität geschildert, die nicht verbergen kann und will, daß sie bei den Filmen Quentin Tarantinos in die Schule gegangen ist.

          Auch daß Siemion einen Ausländer zum personalen Medium der Erzählung gewählt hat, scheint ein glücklicher Kunstgriff, der das Buch nicht nur einem ausländischen Publikum zugänglicher macht, sondern auch eine fast ethnographische Fremdheit gegenüber den Ritualen, Ruppigkeiten, Ehrenkodizes, Trinksitten, Freundschaftsbünden und Liebesunordnungen des fremden Stamms ermöglicht, der 1980 jung war und das Land heute regiert. Wer etwas über die Mentalitäten der Gründergeneration der nachsozialistischen polnischen Republik erfahren möchte, der wird in diesem kollektiven Erziehungsroman viel Anschauungsmaterial finden.

          Dabei ist "Das Picknick am Ende der Nacht" nicht nach dem Wilhelm-Meister-Modell sanfter Desillusionierung und arbeitsamen Weltgewinns organisiert, sondern in den schroffen Ausfahrten, Abbrüchen, Mißverständnissen und Wiederfindungswundern der mittelalterlichen Aventüre. Piotr Siemion, ein sich seiner Mittel und Traditionsbestände trotz aller scheinbaren Schnoddrigkeit überraschend bewußter, gebildeter und subtiler Erzähler, wirft seinen Helden als tumben Toren in die fremde Welt des real existierenden Sozialismus. Zwar versteht er die Landessprache nicht, aber schon auf den ersten Seiten erblickt er, betäubt und durchgefroren von seinem Sturz in den Fluß, die frouwe, deren schöne und gleichgültige Augen fortan als Stern über den Wendungen dieser merkwürdigen britisch-polnischen Fremdheits-, Freundschafts- und Liebesgeschichte stehen. Daß die Zuneigung zwischen "dem Engländer" und der rätselhaften Lidka sich auf den Seiten des Buchs nirgends körperlich konsumiert, weist sie dem Bereich der "hohen Minne" zu, deren Gegenstand nur gefunden und gerettet wird, um gleich darauf wieder verlorenzugehen.

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