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Rezension: Belletristik : Porträt einer verlorenen Seele

Ein Fall für Mailer: Kennedy-Mörder Oswald Bild: AP

Norman Mailer versucht den Aufstieg am „größten geheimnisumwittertenBergmassiv des 20. Jahrhunderts“: Er grübelt über den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald nach.

          5 Min.

          Die Geschichte braucht Helden - und Antihelden. Historische Einschnitte sind fast immer mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten verbunden, mit Staatsführern, Reformern, Freiheitskämpfern; doch ebensosehr wurde der Gang der Welt von den düsteren Antipoden dieser Lichtgestalten bestimmt, die mit einer einzigen Gewalttat mehr veränderten als jene mit Jahrzehnten besonnener Politik.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wurden diese Antihelden von finsteren Mächten unterstützt, half ihnen der Zufall oder vor allem ihre eigene, im negativen Sinne, große Persönlichkeit? "Wir hatten nicht begriffen", schrieb Simon Wiesenthal über den Aufstieg Hitlers, "daß es nichts Gefährlicheres gibt als einen lächerlichen, komplexbeladenen Fanatiker, dem die Geschichte ein Gewehr in die Hand drückt." Einer, auf den dieser Satz wörtlich zuzutreffen scheint, ist Lee Harvey Oswald. Ihm drückte die Geschichte das Gewehr in die Hand, dessen Kugeln das Selbstbild einer Nation durchlöcherten.

          Doch war es wirklich Oswald? Weit mehr als tausend Bücher über den Mord an John F. Kennedy dürften seit jenem ominösen 22. November 1963 erschienen sein, und nur die wenigsten davon hielten die offizielle, vom Warren-Untersuchungsausschuß ermittelte Version des Einzeltäters, des wirrköpfigen Kommunisten Oswald, aufrecht. Unüberschaubar dagegen die Verschwörungstheorien, zu denen Oliver Stone mit seinem Film "JFK", der sich auf die Darstellung des umstrittenen Bezirksstaatsanwalts Jim Garrison stützte, nicht einmal eine neue beisteuerte. Mal sollte die Mafia Kennedy getötet haben, mal abtrünnige Geheimdienstler oder Exilkubaner - jedes investigative Werk zog weitere nach sich, deren einziges Ziel die Widerlegung der Theorie ihres Vorgängers zu sein schien.

          Warum nun auch Norman Mailer den Aufstieg am "größten geheimnisumwitterten Bergmassiv des 20. Jahrhunderts" versucht, hat vor allem zwei Gründe. Erstens haben sich jetzt die Aktenschränke des weißrussischen KGB für Neugierige geöffnet; die Protokolle über Oswalds Aufenthalt in der Sowjetunion zwischen 1959 und 1962 helfen, einen bis dato weitgehend weißen Fleck in seiner Biographie zu füllen. Der zweite Grund: Mailer, der Wanderer durch die Abgründe der amerikanischen Seele, der über Nixon und Marilyn Monroe geschrieben hatte, konnte sich der Symbolkraft Oswalds nicht entziehen. Dessen Werdegang mußte als zynische Umkehrung des amerikanischen Traums gelten: Ein Mann aus ärmlichen Verhältnissen, ohne besondere Begabungen und Eigenschaften; ein sinistrer Bruder Forrest Gumps, eine "Null" (Mailer), die es schaffte, "den Führer der mächtigsten Nation der Welt zu töten".

          Schon in Don DeLillos Buch "Sieben Sekunden" war Lee Oswald als Romanfigur aufgetaucht, die sich im Spinnennetz der Nachrichtendienste verfing; in dichterischer Freiheit verlieh DeLillo den Agenten Namen und Gesichter. Auch Mailer zeigt sich, trotz sechsmonatiger Recherchen in Minsk und Moskau, eher als Romancier denn als Detektiv; er denkt nicht daran, sich in die Schlange jener einzureihen, die Uhrzeiten vergleichen und Patronenhülsen einsammeln, sondern nimmt sich heraus, seiner Menschenkenntnis zu vertrauen, um zu klären, ob Oswald ein kaltblütiger Henker war oder der "Sündenbock", als den er selbst sich bezeichnete, bevor ihn Jack Ruby erschoß.

          "Oswalds Geschichte" beginnt bei Mailer nicht 1939 in New Orleans, sondern zwanzig Jahre später, als der Tourist Oswald in Moskau auftaucht und im Land bleiben möchte. Der erste Eindruck, den die Russen von ihm erlangen, prägt sich ein: Er ist der verschlossene Fremde, ein linkisch auftretender, isolierter Sonderling; diese Rolle ist die einzige Konstante in seinem kurzem Leben. Als "unglücklich" und "hilflos" wird er von einer Frau beschrieben: "Er war eine verlorene Seele." Sein Alltag in Rußland ist mehr als öde; an seinem Arbeitsplatz in einer Radiofabrik gilt er als faul und unzuverlässig. Oswald ist technisch unbegabt und egozentrisch. Das Interesse der Frauen, die sich mit ihm einlassen, verwandelt sich rasch in Mitleid.

          Seine Ehe mit der Russin Marina gründet auf einer doppelten Lüge: Er macht sich ein paar Jahre älter, und er vertraut seinem Tagebuch an, eine andere Frau, der er mehr zugetan ist, mit seiner Hochzeit verletzen zu wollen. Oswald handelt gefühllos und kindisch; er "spielte seine Spielchen mit den Leuten", wird Marina Jahre später sagen. Die unter anderem von Anthony Summers - sein Werk "J.F.K. - Die Wahrheit über den Kennedy-Mord" hat Mailer mit Begeisterung gelesen - aufgestellte These, Marina könnte auf Oswald angesetzt worden sein, erscheint absurd. Eine Mata Hari hätte es kaum so lange mit dem zunehmend gewalttätigen Amerikaner ausgehalten.

          Fortwährend stand Oswald unter der Beobachtung von Geheimdiensten, immer unter dem Verdacht, zentrale Figur eines Komplotts zu sein. Der KGB, der Oswalds Wohnung in Minsk abhörte und stets neue Kontaktpersonen ins Spiel brachte, konnte mit dem "amerikanischen Spion" jedoch nicht viel anfangen. An den KGB-Mann, der einen Stock über Oswalds Wohnung tagtäglich die von Mailer offengelegten banalen Ehestreitereien des jungen Ehepaares verfolgen mußte, denkt man mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung. "Es hatte sich nicht der geringste Anlaß ergeben, daß er ein Geheimagent sein könnte", lautete das Fazit des KGB.

          Norman Mailer führt die Leser einfühlsam zwischen den Bruchstücken aus Oswalds Leben hindurch, gibt Erläuterungen und faßt zusammen. Der Journalist Mailer hat den Romancier Mailer dabei im ersten Teil des Buches weitgehend gezügelt. Später jedoch, als er Oswald in Amerika verfolgt, kann der Autor nicht anders, als sich zu bedeutungsschweren Andeutungen und Mutmaßungen hinreißen zu lassen: Er wird zum Regisseur, der seine Spielfigur Oswald hin und her schiebt. "Es wäre eine krasse Spekulation", beginnt er, um sie dann genüßlich auszumalen. Wild wuchern mitunter die Metaphern, wenn sich die "gleißnerische Übermacht des Molochs Mammon" abzeichnet und sich die "Dämonen gesellschaftlicher Schande zusammenrotten".

          Die Tagebuch-Aufzeichnungen Oswalds, KGB-Protokolle, Interviews und Vernehmungen des Warren-Ausschusses, zusammengehalten durch Mailers glänzende Erzählkunst, vermitteln uns ein eindringliches Porträt des mutmaßlichen Schützen. Ein freilich immer noch widersprüchliches Bild zwischen Taugenichts und unterschätztem Intellektuellen, freundlichem jungen Mann und sich selbst überhöhendem Fanatiker. Man kann es Mailer nicht zur Last legen, daß der wohl beste Freund Oswalds in Minsk, Erich Titovez, zu keinem Interview bereit war. Aufgrund der häufigen Erwähnung seines Namens wie auch der Äußerung eines anderen Oswald-Freundes, der KGB verfüge außer ihm sicher über "eine andere Informationsquelle", wird man den schmerzlichen Eindruck nicht los, bei Titovez ließe sich der Schlüssel zu einer ganzen Reihe von Fragen finden.

          Norman Mailer hat mit seinem Buch einen spannenden Beitrag zur Diskussion über den Kennedy-Mord geleistet. Mitunter wünscht sich der Leser aber, der Autor hätte sich doch etwas mehr auf die Indizienklauberei seiner Kollegen eingelassen. Der Kontakt Oswalds zu den Rechtsextremen Bannister und Ferrie zum Beispiel, von Garrison, Summers und DeLillo ausführlich dargestellt, wird von Mailer auf kümmerlichen fünf Seiten abgehandelt. So hinterläßt das abschließende Urteil Norman Mailers einen leicht schalen Nachgeschmack. Aufs "ballistische Terrain" - etliche Zeugenaussagen wollen Schüsse aus einer zweiten Richtung gehört haben - möchte er sich nicht begeben. Für ihn steht fest: Lee Harvey Oswald war ein Einzelgänger; und seine These, daß kein Verschwörer, der ernsthafte Mordabsichten an Kennedy hegte, ausgerechnet den unberechenbaren Oswald als Scharfschützen ausgewählt hätte, leuchtet ein.

          Unwiderlegt bleibt damit nur die Theorie, Oswald sei von anderen als Bauernopfer auserkoren worden. Für Mailer jedoch steht fest, daß sein Mann "die größte Gelegenheit, die ihm jemals geboten worden war", beim Schopfe packen wollte: Der Präsidentenmord als "Schocktherapie, um die Welt wachzurütteln". Das Herz des Lesers ist überzeugt; das Hirn will mehr Beweise.

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