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Rezension: Belletristik : Porträt einer verlorenen Seele

Ein Fall für Mailer: Kennedy-Mörder Oswald Bild: AP

Norman Mailer versucht den Aufstieg am „größten geheimnisumwittertenBergmassiv des 20. Jahrhunderts“: Er grübelt über den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald nach.

          Die Geschichte braucht Helden - und Antihelden. Historische Einschnitte sind fast immer mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten verbunden, mit Staatsführern, Reformern, Freiheitskämpfern; doch ebensosehr wurde der Gang der Welt von den düsteren Antipoden dieser Lichtgestalten bestimmt, die mit einer einzigen Gewalttat mehr veränderten als jene mit Jahrzehnten besonnener Politik.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wurden diese Antihelden von finsteren Mächten unterstützt, half ihnen der Zufall oder vor allem ihre eigene, im negativen Sinne, große Persönlichkeit? "Wir hatten nicht begriffen", schrieb Simon Wiesenthal über den Aufstieg Hitlers, "daß es nichts Gefährlicheres gibt als einen lächerlichen, komplexbeladenen Fanatiker, dem die Geschichte ein Gewehr in die Hand drückt." Einer, auf den dieser Satz wörtlich zuzutreffen scheint, ist Lee Harvey Oswald. Ihm drückte die Geschichte das Gewehr in die Hand, dessen Kugeln das Selbstbild einer Nation durchlöcherten.

          Doch war es wirklich Oswald? Weit mehr als tausend Bücher über den Mord an John F. Kennedy dürften seit jenem ominösen 22. November 1963 erschienen sein, und nur die wenigsten davon hielten die offizielle, vom Warren-Untersuchungsausschuß ermittelte Version des Einzeltäters, des wirrköpfigen Kommunisten Oswald, aufrecht. Unüberschaubar dagegen die Verschwörungstheorien, zu denen Oliver Stone mit seinem Film "JFK", der sich auf die Darstellung des umstrittenen Bezirksstaatsanwalts Jim Garrison stützte, nicht einmal eine neue beisteuerte. Mal sollte die Mafia Kennedy getötet haben, mal abtrünnige Geheimdienstler oder Exilkubaner - jedes investigative Werk zog weitere nach sich, deren einziges Ziel die Widerlegung der Theorie ihres Vorgängers zu sein schien.

          Warum nun auch Norman Mailer den Aufstieg am "größten geheimnisumwitterten Bergmassiv des 20. Jahrhunderts" versucht, hat vor allem zwei Gründe. Erstens haben sich jetzt die Aktenschränke des weißrussischen KGB für Neugierige geöffnet; die Protokolle über Oswalds Aufenthalt in der Sowjetunion zwischen 1959 und 1962 helfen, einen bis dato weitgehend weißen Fleck in seiner Biographie zu füllen. Der zweite Grund: Mailer, der Wanderer durch die Abgründe der amerikanischen Seele, der über Nixon und Marilyn Monroe geschrieben hatte, konnte sich der Symbolkraft Oswalds nicht entziehen. Dessen Werdegang mußte als zynische Umkehrung des amerikanischen Traums gelten: Ein Mann aus ärmlichen Verhältnissen, ohne besondere Begabungen und Eigenschaften; ein sinistrer Bruder Forrest Gumps, eine "Null" (Mailer), die es schaffte, "den Führer der mächtigsten Nation der Welt zu töten".

          Schon in Don DeLillos Buch "Sieben Sekunden" war Lee Oswald als Romanfigur aufgetaucht, die sich im Spinnennetz der Nachrichtendienste verfing; in dichterischer Freiheit verlieh DeLillo den Agenten Namen und Gesichter. Auch Mailer zeigt sich, trotz sechsmonatiger Recherchen in Minsk und Moskau, eher als Romancier denn als Detektiv; er denkt nicht daran, sich in die Schlange jener einzureihen, die Uhrzeiten vergleichen und Patronenhülsen einsammeln, sondern nimmt sich heraus, seiner Menschenkenntnis zu vertrauen, um zu klären, ob Oswald ein kaltblütiger Henker war oder der "Sündenbock", als den er selbst sich bezeichnete, bevor ihn Jack Ruby erschoß.

          "Oswalds Geschichte" beginnt bei Mailer nicht 1939 in New Orleans, sondern zwanzig Jahre später, als der Tourist Oswald in Moskau auftaucht und im Land bleiben möchte. Der erste Eindruck, den die Russen von ihm erlangen, prägt sich ein: Er ist der verschlossene Fremde, ein linkisch auftretender, isolierter Sonderling; diese Rolle ist die einzige Konstante in seinem kurzem Leben. Als "unglücklich" und "hilflos" wird er von einer Frau beschrieben: "Er war eine verlorene Seele." Sein Alltag in Rußland ist mehr als öde; an seinem Arbeitsplatz in einer Radiofabrik gilt er als faul und unzuverlässig. Oswald ist technisch unbegabt und egozentrisch. Das Interesse der Frauen, die sich mit ihm einlassen, verwandelt sich rasch in Mitleid.

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