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Rezension: Belletristik : Porträt einer verlorenen Seele

Seine Ehe mit der Russin Marina gründet auf einer doppelten Lüge: Er macht sich ein paar Jahre älter, und er vertraut seinem Tagebuch an, eine andere Frau, der er mehr zugetan ist, mit seiner Hochzeit verletzen zu wollen. Oswald handelt gefühllos und kindisch; er "spielte seine Spielchen mit den Leuten", wird Marina Jahre später sagen. Die unter anderem von Anthony Summers - sein Werk "J.F.K. - Die Wahrheit über den Kennedy-Mord" hat Mailer mit Begeisterung gelesen - aufgestellte These, Marina könnte auf Oswald angesetzt worden sein, erscheint absurd. Eine Mata Hari hätte es kaum so lange mit dem zunehmend gewalttätigen Amerikaner ausgehalten.

Fortwährend stand Oswald unter der Beobachtung von Geheimdiensten, immer unter dem Verdacht, zentrale Figur eines Komplotts zu sein. Der KGB, der Oswalds Wohnung in Minsk abhörte und stets neue Kontaktpersonen ins Spiel brachte, konnte mit dem "amerikanischen Spion" jedoch nicht viel anfangen. An den KGB-Mann, der einen Stock über Oswalds Wohnung tagtäglich die von Mailer offengelegten banalen Ehestreitereien des jungen Ehepaares verfolgen mußte, denkt man mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung. "Es hatte sich nicht der geringste Anlaß ergeben, daß er ein Geheimagent sein könnte", lautete das Fazit des KGB.

Norman Mailer führt die Leser einfühlsam zwischen den Bruchstücken aus Oswalds Leben hindurch, gibt Erläuterungen und faßt zusammen. Der Journalist Mailer hat den Romancier Mailer dabei im ersten Teil des Buches weitgehend gezügelt. Später jedoch, als er Oswald in Amerika verfolgt, kann der Autor nicht anders, als sich zu bedeutungsschweren Andeutungen und Mutmaßungen hinreißen zu lassen: Er wird zum Regisseur, der seine Spielfigur Oswald hin und her schiebt. "Es wäre eine krasse Spekulation", beginnt er, um sie dann genüßlich auszumalen. Wild wuchern mitunter die Metaphern, wenn sich die "gleißnerische Übermacht des Molochs Mammon" abzeichnet und sich die "Dämonen gesellschaftlicher Schande zusammenrotten".

Die Tagebuch-Aufzeichnungen Oswalds, KGB-Protokolle, Interviews und Vernehmungen des Warren-Ausschusses, zusammengehalten durch Mailers glänzende Erzählkunst, vermitteln uns ein eindringliches Porträt des mutmaßlichen Schützen. Ein freilich immer noch widersprüchliches Bild zwischen Taugenichts und unterschätztem Intellektuellen, freundlichem jungen Mann und sich selbst überhöhendem Fanatiker. Man kann es Mailer nicht zur Last legen, daß der wohl beste Freund Oswalds in Minsk, Erich Titovez, zu keinem Interview bereit war. Aufgrund der häufigen Erwähnung seines Namens wie auch der Äußerung eines anderen Oswald-Freundes, der KGB verfüge außer ihm sicher über "eine andere Informationsquelle", wird man den schmerzlichen Eindruck nicht los, bei Titovez ließe sich der Schlüssel zu einer ganzen Reihe von Fragen finden.

Norman Mailer hat mit seinem Buch einen spannenden Beitrag zur Diskussion über den Kennedy-Mord geleistet. Mitunter wünscht sich der Leser aber, der Autor hätte sich doch etwas mehr auf die Indizienklauberei seiner Kollegen eingelassen. Der Kontakt Oswalds zu den Rechtsextremen Bannister und Ferrie zum Beispiel, von Garrison, Summers und DeLillo ausführlich dargestellt, wird von Mailer auf kümmerlichen fünf Seiten abgehandelt. So hinterläßt das abschließende Urteil Norman Mailers einen leicht schalen Nachgeschmack. Aufs "ballistische Terrain" - etliche Zeugenaussagen wollen Schüsse aus einer zweiten Richtung gehört haben - möchte er sich nicht begeben. Für ihn steht fest: Lee Harvey Oswald war ein Einzelgänger; und seine These, daß kein Verschwörer, der ernsthafte Mordabsichten an Kennedy hegte, ausgerechnet den unberechenbaren Oswald als Scharfschützen ausgewählt hätte, leuchtet ein.

Unwiderlegt bleibt damit nur die Theorie, Oswald sei von anderen als Bauernopfer auserkoren worden. Für Mailer jedoch steht fest, daß sein Mann "die größte Gelegenheit, die ihm jemals geboten worden war", beim Schopfe packen wollte: Der Präsidentenmord als "Schocktherapie, um die Welt wachzurütteln". Das Herz des Lesers ist überzeugt; das Hirn will mehr Beweise.

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