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Rezension: Belletristik : Popcorn in Manhattan

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Die Dinge gehen durch ihn hindurch. Was er sieht." So endete 1995 Ulrich Peltzers Roman "Stefan Martínez". Der Held (welch unpassender Begriff) seiner neuen Erzählung "Bryant Park" heißt fast genauso: Stefan Matenaar, und auch durch ihn gehen die Dinge hindurch. Was er sieht, hört, denkt, woran er sich erinnert, ...

          Die Dinge gehen durch ihn hindurch. Was er sieht." So endete 1995 Ulrich Peltzers Roman "Stefan Martínez". Der Held (welch unpassender Begriff) seiner neuen Erzählung "Bryant Park" heißt fast genauso: Stefan Matenaar, und auch durch ihn gehen die Dinge hindurch. Was er sieht, hört, denkt, woran er sich erinnert, was er fühlt und phantasiert: Es durchzieht sein Bewußtsein als ein Strom, wie man früher metaphorisch sagte, in der heroischen Phase des modernen Romans, als Reiz- und Datenstrom, wie man genauer, zeitgenössischer sagen muß. Stefan Matenaar, ein promovierter Literaturwissenschaftler, verbringt eine begrenzte, durch ein Stipendium finanzierte Zeit in New York und studiert dort in der Mikrofiche-Abteilung der "Public Library" Namenregister neuenglischer Gemeinden aus dem neunzehnten Jahrhundert. Hinter der Bibliothek, zwischen vierzigster und zweiundvierzigster Straße, zwischen der Fifth und der Sixth Avenue, liegt der Bryant Park, eine grüne Oase in Midtown Manhattan. Hier legen Geschäftsleute aus dem Viertel mittags die Beine hoch und verzehren ihre Lunchpakete, abends verwandelt sich der Park in ein Freilichtkino. Stefan Matenaar besucht hier eine Vorstellung von John Hustons altem "Moby Dick"-Film, auf dem Heimweg schaut er in einer Kneipe vorbei, in der seine Freundin Sarah gewöhnlich bedient, aber sie ist nicht da.

          Soviel zu den äußeren Ereignissen, von denen erzählt wird, ständig durchbrochen von Erinnerungen an eine Reise nach Italien (Stefan als Drogenkurier, die Sache geht allerdings schief) und an die letzten Tage des Vaters im Krankenhaus. Das sind durchaus drei Erzählstränge, aus denen sich ein solider Zopf flechten ließe; aber dessen Konsistenz wäre schon Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ulrich Peltzer gehört zu den heute selten gewordenen Autoren, denen es nicht um die Verfertigung und den Vertrieb von Illusionsware geht. Für ihn ist Literatur ein Erkenntnismittel, ein Forschungsinstrument, und die Disziplinen, in denen geforscht wird, tragen so ehrfurchtgebietende Namen wie "Identität" und "Wirklichkeit".

          Das Bedürfnis nach "spannender Unterhaltung" diffamiert Peltzer übrigens nicht, im Gegenteil, er erkennt es ausdrücklich an. Es ist auch seinem Helden nicht fremd. Auch der kennt diese Sehnsucht nach Zusammenhang und Schlüssigkeit, nach Geschichten, die einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende haben und vor allem eine Bedeutung, die uns zu uns selbst führt und über uns hinaus. Es ist eine Sehnsucht nach einer Welt, in der wir unseren Platz haben, in der wir wissen, wer wir sind und was wir hier sollen. Eine Welt wie die des Films "Moby Dick", den Stefan im Bryant Park anschaut, zusammen mit vielen New Yorkern, die ihn begeistert und lautstark kommentieren, sich damit gleichsam in die Geschichte hineinstellen und für einen Moment ein Ensemble bilden in jener Enklave, jenem grünen Geviert, eingerahmt von Hochhäusern.

          Der "Moby Dick"-Film ist wie ein fest geflochtener Zopf aus dicken Haaren, schön anzuschauen, gut anzufassen. Aber ein alter Zopf, der längst abgeschnitten ist. Außerhalb des Freiluftkinos ist wieder "jeder für sich, in seinem eigenen Kopf, dessen Bildern und Syntax; was einem herumspukt in den Gedanken, wie es war oder hätte sein können. Vermutungen und Gewißheiten, Überzeugungen. Als eine Folge von Nervenimpulsen, von chemischen Reaktionen, die fast schon vergessenes Material, bestimmte Details, einem plötzlich die merkwürdigsten Szenerien in die Erinnerung rufen. Schreiben sich fort durch einen Riß in der Zeit, der in solchen Momenten sich auftut, als sei nichts wirklich vorbei, niemals wirklich zu Ende. Einander umschlingende Sätze, eine Vielzahl von Schnittstellen bildend." Und, einige Zeilen weiter: "Die Geschichte, das Leben. Fände man nur die richtigen Worte, gelänge es nur, alles in Schrift zu verwandeln bis zurück an den Anfang. Besäße man vielleicht einen Zipfel der Wahrheit."

          Das überraschende Pathos am Ende dieser Passage zeigt, verbunden mit dem dreifach eingesetzten Modus des Konditionals ("fände - gelänge - besäße"), wie ernst, geradezu verzweifelt ernst es Ulrich Peltzer ist, wie hoch er die Latte legt. Wenn seine Bücher, von "Stefan Martínez" über "Alle oder keiner" bis zu "Bryant Park", immer kürzer werden, auch äußerlich den Weg von der Totalen zum Fragment gehen, so nehmen sie an innerer Dichte, an Konsequenz und Radikalität eher noch zu.

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