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Rezension: Belletristik : Poesie im Plissee

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Charlotte Mutsaers debütiert mit "Rachels Röckchen" Von Gerhard Schulz

          Der Roman - wir wissen es seit langem - befindet sich in der Krise. Es habe den Anschein, meinte Thomas Mann, als käme auf dem Gebiet des Romans heute nur noch das in Betracht, was kein Roman mehr sei. Heute? Das ist fünfzig Jahre her, und die sieche Kunstform bringt dennoch immer neue, gefällige, manchmal sogar hübsche Kinder hervor. Allein aus deutschen Schößen entsprangen in diesem Frühjahr nach einschlägiger Auskunft nicht weniger als neunundneunzig solch freudige Ereignisse. Aber wird auch nur eines davon an Witz, Gefühlsseligkeit, Schlauheit, universaler Beschlagenheit und Grazie mit der Geschichte jener Rachel Stottermaus konkurrieren können, die, 1994 von einer holländischen Mutter zur Welt gebracht, nun ihr deutsches Debüt gibt?

          Rachel Stottermaus ist dreizehn, als ein neuer Lehrer namens Douglas Distelfink das Klassenzimmer betritt. Der Blitz schlägt ein bei ihr, und es beginnt "das Elend der göttlichen Anbetung, das ewig währt" - ein Liebesroman also wie hunderttausend andere und deshalb eigentlich kaum noch erzählenswert. Aber "wenn das Ende verlorengegangen ist, der Anfang nach allen Seiten hin ausufert und das Wichtigste nicht stattgefunden hat, wo steckt dann eigentlich die Geschichte"? Es ist, mit anderen Worten, ein Modellfall für besagte Krise des Romans, dessen Stoff sich so gleich bleibt wie die Menschen in ihren Träumen, Sehnsüchten, Schwächen.

          Die wiedererzählbare Geschichte von Rachel und Douglas ist in der Tat banal. Keiner Lolita gelingt ihr verführerisches Werk, kein Lehrer betreibt Unzucht mit Abhängigen, und als man sich nach dreißig Jahren wiedersieht, brennt Rachels Liebe zwar immer noch mit alter Glut, aber erst auf Douglas' Totenbett wird sich die ewig Verliebte für eine kurze Minute zu ihm legen, während nebenan die Ehefrau Tee kocht zum Leichenschmaus. Was also gibt es zu erzählen, wenn alles schon längst erzählt ist?

          Dieses Buch ist der erste Roman von Charlotte Mutsaers, die uns als Essayistin, Malerin, Illustratorin und Holzschnittkünstlerin vorgestellt wird. Sie ist Mitte Fünfzig und also wohl nicht mit jugendlicher Arglosigkeit an das Geschäft des Roman-Erzählens gegangen. Entstanden jedenfalls ist ein Gewebe, das sich wohl am ehesten Patchwork nennen ließe, und zwar in jenem ästhetisch ambitionierten Sinn, mit dem dergleichen Arbeit zuweilen unternommen wird. Bunte Flicken werden dann zu einem gefälligen und sinnreichen Ganzen, und nur deren Abstammung aus Geschichte, Zeitgeschmack und der allgewaltigen Erfahrung von Liebe mag sich zuweilen noch erraten lassen. Aus dem Bereich der Textilien stammt übrigens tatsächlich Mutsaers' eigener Vorwand für die Näharbeit ihres Romans. Rachels Röckchen mit siebenunddreißig Falten: jede ein Kapitel des Buches.

          Vieles ist zusammengenäht. Eine Amazone wie Penthesilea möchte Rachel sein. Lieber noch hätte sie Marika Rökk oder Dora Diamant heißen wollen, die einst Kafkas Geliebte war. Haufenweise quellen Gestalten hier aus dem "Kleiderschrank der Weltliteratur" hervor, darunter Lichtenberg, Poe, Flaubert, Gogol, Tolstoi, Majakowski, Rilke - als kleiner Junge auf seinem Steckenpferd reitend -, Beckett, Döblin, Proust, Canetti, die tragische Zwetajewa und Kleist, der "den Wannsee mit dem Tod infiziert hat", weil da 1942 eine todbringende Konferenz stattfand. Douglas nämlich ist Jude, sein Vater wurde ermordet, und er arbeitet an einem Buch über Erich Mühsam, das nie fertig wird. Auch Rachels Vater wurde übrigens ermordet, aber wie es scheint, eher als Kollaborateur. Außerdem geistern Isadora Duncan, Josephine Baker, Rotkäppchen und Kapitän Hook, dieser grimmige Feind von Peter Pan, durch die Seiten, Wagner läßt sich hören - "die überwältigende Abscheulichkeit des Tannhäuser" -, Gustav Leonhardt spielt auf und vieles, vieles andere mehr.

          Gibt das alles wirklich ein Ganzes, oder wird da eher eine einfache Geschichte beladen und schwierig gemacht, damit sie modern erscheine und dieses Buch ebenfalls von der Krise des Romans Zeugnis ablege? Tatsächlich böte es für literaturwissenschaftliche Übungen eine Fülle von Material zu diesem Thema. Aber nicht alles würde sich bei der Suche nach geheimen Zusammenhängen am Ende wohl fügen, denn mit mancher Mode wird allzusehr kokettiert.

          Dreierlei nimmt mich dennoch für dieses Buch ein. Es wird von einem starken Gefühl bewegt: von Liebe, die ihre besondere Kraft aus dem Bewußtsein der Vergänglichkeit zieht. Dann ist es ein Buch, das in der Art des Beobachtens, des Beschreibens, des Empfindens Frauenliteratur im besten Sinne darstellt, denn es öffnet Männeraugen. Und schließlich kann man es ein zweites Mal lesen, weil es voller Phantasie und Poesie steckt. Nur solche Bücher aber lohnen, wie Jean Paul einmal schrieb (mit dem übrigens Charlotte Mutsaers manche Seelenverwandtschaft besitzt), daß man sie ein erstes Mal liest.

          Charlotte Mutsaers: "Rachels Röckchen". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Marlene Müller-Haas. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1997. 310 S., geb., 39,80 DM.

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