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Rezension: Belletristik : Pochen im Kostüm

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Robert Gernhardts neue Gedichte · Von Thomas Steinfeld

          5 Min.

          Langsam ändert sich der Ton. "Lichte Gedichte" ist Robert Gernhardts dritter Lyrikband - nach "Körper in Cafés" von 1987 und "Weiche Ziele" von 1994 -, und das Langgedicht "Herz in Not" bildet allein den letzten, mit "herzlich" überschriebenen Teil des Buches. Die Sprache ist sofort als die seine zu erkennen. Die rhythmischen Übertreibungen, die kompakten Vokale, die ironischen Bilder, die Parodien und die Pointen, die am Ende eines Gedichts die Botschaft in die Weite des Alls schießen, sind alle noch da. Aber "Herz in Not" muß fast ohne Reime auskommen, und an ihrer Statt wehen die schwarzen Fahnen von Alter und Tod: "Es quillen auch Tränen. / Die Anlässe: fließend. / Ein Foto von Wolf, / ein Erinnern der Toten / ein Druck jener Hand, / die das Wasser in den Vasen / wechselt und meine Hand festhält." Das ist schon sehr privat, ja fast indiskret. Das Gedicht rührt hier an etwas, was sich mit Ironie sehr schlecht verträgt: Es will Betroffenheit.

          Nicht in allen Strophen dieses Epos geht die Entblößung so weit, es gibt scherzhafte, satirische, auch böse. Und doch zieht es Robert Gernhardt immer wieder an diese Grenze. "Herz in Not" ist ein Memento mori, aber der Dichter zitiert nicht die barocke Lyrik, sondern er erfindet sie neu. "Er hört dem beleibten Arzt zu", "Er beschwichtigt sich" oder "Er wünscht sich einen Fotografen herbei" heißen die Gedichte. Die Formel ist bekannt. Der Barock ließ seine Helden gerne in der dritten Person auftreten, vom Dichter sollte nicht die Rede sein, er hatte das Allgemeine in der Fiktion zu suchen. Bei Robert Gernhardt ist es jetzt umgekehrt. Er legt Zeugnis ab, er sucht in der Fiktion das einzelne, und ironisch ist nur die Geste, mit der er sich beim Beobachten selbst beobachtet. Denn die Versuche, das Interesse des Lesers auf die poetische Form zu lenken, sind darauf angelegt, durchschaut zu werden. Man sieht, um im Bild zu bleiben, das Herz des Dichters unter seinem Kostüm pochen.

          Neun Teile hat der Band "Lichte Gedichte", sie sind mit Stimmungslagen von "lieblich" über "alltäglich" bis "herzlich" überschrieben, und "Herz in Not" ist nur das letzte Stück. Da gibt es das wunderbare, komische "Couplet von der Erblast", in dem "spätantike Männerkreise" von "postmodernen Frauengruppen" zur Rechenschaft gezogen werden. Da ist die kleine Moritat vom mexikanischen Torwart und ein Lied über den Vogel, der die Luft "durchschifft", aber sich freuen darf, kein Fisch zu sein. Viele dieser Gedichte enden mit einem Lachen. Aber man lacht nicht, weil eine unangemessene, eine überhebliche Vorstellung zuschanden geht. Für eine Entlarvung ist das Lachen zu klein. Eher wirkt die Pointe, als lasse der Dichter sein Gedicht fallen, als habe er nur einmal kurz an etwas Größeres, Erhabeneres rühren wollen, und dann ist ihm die prosaische Einsicht dazwischengefahren.

          "Alles über den Künstler" heißt ein in diesem Sinne typisches Gedicht: "Der Künstler geht auf dünnem Eis. / Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß? / Der Künstler läuft auf dunkler Bahn. / Trägt sie zum Ruhm? Führt sie zum Wahn? / Der Künstler fällt in freiem Fall. / Als Stein ins Nichts? Als Stern ins All?" Die Reihenfolge der drei Strophen ließe sich umdrehen. Dann stünde das Wörtchen aus der Umgangssprache am Ende. Und das wäre eine richtige Gernhardt-Pointe, weil sie den Kreis des Poetischen durchschlägt, und dann wären die sechs Verse noch wehmütiger, als sie es ohnehin schon sind. Aber dann wäre auch ganz offensichtlich, daß die Pointe weniger lustig als tragisch ist. Man hätte auch "Vanitas" über das Gedicht schreiben können.

          Gottfried Benn nahm große Mühen auf sich, um den neuen Reim zu finden. Gernhardt ist bereit, auch den nächstliegenden zu nehmen. Das erinnert manchmal an die Kühnheit der Provinz und mag komisch wirken, weil der geschulte Leser dieses Repertoire der Dichtkunst für vergangen hält. Aber der Dichter ist so gelehrt und so klug, daß er den Einwand immer schon mitgedacht hat. Die erprobten Mittel der Dichtung sind ja nicht aufgegeben worden, weil sie ihren Dienst versagten. Dieses Vertrauen in die Einprägsamkeit der Versmaße, in die Stimmung der Vokale und in die Suggestion des Reims wirkt aber so keck, weil die poetischen Techniken heute nur noch in der Satire und in der Werbung gebraucht werden.

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