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Rezension: Belletristik : Pilze für den Wirtschaftsanwalt

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In mannigfaltigen Anknüpfungen an das Pink-Floyd-Werk entfaltet Suter die Geschichte im Wechsel zwischen Innen- und Außensicht als Exempel einer Dialektik der Aufklärung. Zwischen der Welt des technischen Fortschritts, der Naturbeherrschung und des Geldes, der Sphäre des menschenfernen Waldes und des archaischen Kampfs ums Dasein und dem Reich der Träume und Wahnvorstellungen stellen sich so Korrespondenzen her. Im Mittelpunkt von Suters subtilem Verweisungsspiel befindet sich ein Jagdmesser mit der Aufschrift "Never hesitate", das Pius Ott Urs Blank schenkt, wie überhaupt die Requisiten mit Symbolik geladen werden. "Alles hängt irgendwie zusammen", sagt Lucille, und so wächst sich die Geschichte zentriert von der Bildlichkeit des Kampfes um einen Wald von Symbolen aus, je mehr Blank sich in die Geheimnisse der Natur und seines Bewusstseins vertieft. Wie seit Tieck oder E.T.A. Hoffmann erscheint dabei der Wald als Projektionsraum des von Aufklärung Verdrängten, in dem sich alles spiegelt, was der Wirklichkeit der Geldwirtschaft als Antrieb unbewusst geworden ist.

Die Geschichte erreicht ihre dramatische Phase, wenn dem Helden im Rausch das Erlebnis eines reinen Idealismus widerfährt: "Alles, was er bisher getan, gedacht, gelernt und gefühlt hatte, beruhte auf einem einzigen, gewaltigen Irrtum. Gut, bös, falsch, richtig, schön, hässlich, ich, du, mein, dein: alles Werte einer Skala, die die große, letzte Wahrheit außer acht ließ: Es gibt keine Vergleichsgrößen. Weil es nichts gibt. Es existiert nur eine einzige Wirklichkeit: Urs Blank." Aus der Perspektive der Menschenwelt, in den Augen seines Freundes, des Psychotherapeuten Alfred Wenger, aber erscheint diese Bewusstseinsverfassung als Schrecken erregende und zugleich lächerliche Geistesverwirrung, als vollendete Inhumanität, die der Heilung bedarf. Die Anstrengung einer höchst ambivalenten Rettung des Allgemeinmenschlichen bewegt fortan die dramaturgisch meisterhaft gestaltete Handlung, deren Fort- und Ausgang nicht verraten werden darf. Nur so viel, dass sie sich zum Kriminalfall entwickelt, der Aufklärung im doppelten Sinne erfordert. Diese ist einer Figur von Dürrenmatt'scher Bonhomie aufgegeben, dem Landpolizisten Rolf Blaser.

Suters Roman ist ein philosophisch gegründetes Gedankenspiel um die Wirklichkeit des Unwirklichen und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und auch darüber, wie wenig es bedarf, um die menschlichen Konstruktionen und Vereinbarungen zusammenbrechen zu lassen. Vor allem aber ist er eine gründlich recherchierte, präzise, elegant und humorvoll geschriebene Geschichte, realistisch und phantastisch zugleich. Der Leser, der sich einmal auf "Die dunkle Seite des Mondes" hat ziehen lassen, wird das Buch bis zum ebenso überraschenden wie stimmigen Finale nicht mehr aus der Hand legen wollen. Die geistige Gesundheit ist dabei nicht gefährdet. Vielmehr bietet Martin Suter mit raffiniert adaptierten klassischen Mitteln ein Optimum an Belehrung, Spannung und Vergnügen.

FRIEDMAR APEL

Martin Suter: "Die dunkle Seite des Mondes". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2000. 315 S., geb., 39,90 DM.

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