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Rezension: Belletristik : Party in der Batory-Straße

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Polnische Siebziger: Witold Horwath lebt spiritistisch

          2 Min.

          Wäre es aufregend gewesen, ein Gymnasiast im Polen der siebziger Jahre gewesen zu sein? Vermutlich hätte man kurz geschoren in falschen Jeans und einer Kunstlederjacke gesteckt und sich nicht besonders auf den Disco-Abend im örtlichen Kultursaal gefreut. Bei dem 1957 geborenen Witold Horwath erfährt man jedoch, daß mit geringer Zeitverschiebung, jedenfalls in Warschau, alles ganz anders war, nämlich genauso wie hier. In der Gierek-Ära trug man die Haare lang, tanzte in Schlaghosen zu Black Sabbath, Uriah Heep und Led Zeppelin, und irgend jemand konnte immer algerischen Gellala-Wein, Wodka und Marlboros besorgen. Man las die Beat Poets und die Existentialisten und war über die Aufstellung von Bayern München informiert. Vor allem war man in Erwartungsstimmung. Und es kam ja auch etwas: hier "der deutsche Herbst", dort das Kriegsrecht und eine jahrelange Lähmung, die für viele die Siebziger rückblickend in ein warmes Licht setzten.

          Für Witek, den Erzähler und Helden von Horwaths zweitem Roman, kommt jedoch vorher noch etwas ganz anderes, das Freiheit unmittelbarer verkörpert als westliche Rockmusik: "20. September 1975. Auf dem Warschauer Flughafen Okecie steigt Milena Hrabicz aus dem Flugzeug - in hautengen Jeans und schwarzer Bluse, über dem Arm einen eleganten schwarzen Ledermantel." Sie ist das Mädchen aller Mädchen aus dem Nirgendwo, ein rätselhaftes und fatales Wesen, dem Witek unrettbar verfällt. Der Bann löst sich auch nicht, als Milena Jacek heiratet, einen zwielichtigen Geschäftsmann, und mit ihm nach Amerika geht. Auch ihn stürzt sie ins Verderben, und am Ende, nämlich am "10. Dezember 1990, am Tag nach der Wahl Walesas", ist sie als Gespenst ihrer selbst und Alkoholikerin wieder da.

          Ihr Zauber aber ist nicht gebrochen. Es bleibt so über die dargestellte Wirklichkeit des Romans hinaus Witeks Lebensaufgabe, ihn zu ergründen, "die Seele einer Lebenden heraufzubeschwören". Das ist auch die Bedeutung des Titels.

          Der Roman, der sich als Konfession gibt, handelt im wesentlichen vom Scheitern dieser Beschwörung und stellt sich zugleich selbst als "langes schlechtes Buch", als künstlerisches Scheitern dar: "Mein Geschreibsel verlängert den Prozeß ins Leere, es ist Ersatz." Auch dem Leser geht daher, wie Witeks Freunden, gelegentlich die Geduld aus: "Du erzählst das entsetzlich langatmig." In der Tat reichen die Konstellation und die Charakterisierung der Personen für eine dichte Romanhandlung nicht hin; die umständlichen Perspektivenwechsel und die Authentizität suggerierenden Kunstmittel wie die Wiedergabe von Briefen erhöhen das Interesse des Lesers für die einzelnen Figuren nicht sonderlich.

          "Séance" ist trotzdem kein "schlechtes Buch", im Gegenteil. Milena ist auf sich kunstlos gebende, tatsächlich aber raffinierte Weise weniger eine klassische Romanfigur als ein Motiv, das die erzählerische Membran in Spannung hält. Die Erzähltechnik erinnert stark an Albert Camus. Der Leser erlebt eine äußere Wirklichkeit als Schwingungen einer Seele, der die Konstruktion dieser Wirklichkeit fremd bleibt. Horwaths offensichtlich autobiographisch getränkte Darstellung ist daher eine Art existentialistische Education sentimentale vor dem so differenziert wie distanziert gezeichneten Hintergrund der Entwicklung in Polen vor der Wende. Das macht das Buch, das Esther Kinsky flüssig und kenntnisreich übersetzt und kommentiert hat, auch jenseits der Erwartungen an die Form des Romans lesenswert.

          FRIEDMAR APEL

          Witold Horwath: "Séance". Roman. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2000. 352 S., geb., 39,90 DM.

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