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Rezension: Belletristik : Panik vor dem Jetzt

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          6 Min.

          Am 4. Februar 1998 sagte sich der Schriftsteller Rainald Goetz: "Los gehts." Und das ging dann los und so dahin bis zum 10. Januar 1999. Rund ein Jahr lang schrieb er zu jeder Tages- und Nachtzeit Texthäppchen ins Internet. Als er nicht mehr weiterschreiben wollte, druckte er alles aus und schickte es zu seinem Hausverlag. Dort machten sie dann aus der Texthalde ein Buch, indem die gesammelten Häppchen einen signalroten Einband bekamen. Darauf stand ein Titel: "Abfall für alle". Das reichte aber nicht, und so kam noch ein Untertitel hinzu: "Roman eines Jahres".

          Dem Haupttitel kann man seine Zustimmung nicht verweigern. Aber ist das Buch ein Roman? Und warum soll es das sein? Schön wäre auch gewesen: "Abfall für alle. Ein Jahr lang". Da hätte wenigstens sofort eine Drohung heraus geschaut, und man hätte dann vielleicht gezögert, den Deckel des Abfalleimers aufzuklappen. "Roman eines Jahres" mutet dagegen altmodisch und heimelig an. Damit schimmert das Buch schon von außen nach einer runden und wärmenden Geschichte, die einem vielleicht sogar gut tun könnte, so wie einem ja auch ein bequemes Sofa angenehm entgegenquillt, nachdem man stundenlang durch den Tag marschiert ist.

          "Bücher einfach IRGENDWO aufschlagen - und dann zu lesen anfangen": Diesen Ratschlag schreibt Rainald Goetz am Donnerstag, den 5. Februar um 14 Uhr 43 nieder. Das war großzügig. Womöglich hätte man sich durch den ganzen Rainald Goetzschen Abfall von der ersten bis zur letzten Zeile treuherzig hindurchgebuddelt, wenn man nicht vom Autor selbst die Vorgabe erhalten hätte, doch hier, wie andernorts, einfach seiner Wege durch ein Buch zu gehen. Nun mag einer, der die Anfänge scheut, einen Roman, zum Beispiel Kafkas "Schloß", auf Seite 157 aufschlagen und dort zu lesen anfangen. Nach einer Weile wird er sich wundern, wieso er nicht alles versteht, wieso er die Figuren nicht kennt und nicht so recht weiß, wo er sich befindet. Wenn ihn das wirklich interessiert, wird er nach vorne zurückblättern, damit er alles von Anfang an mitbekommt.

          Das muss man nun nicht, wenn man im "Abfall" stöbert. Man nehme zum Beispiel die Seite 229. Da steht: "Ein Roman ist ein Stück Prosa von mindestens 300 Seiten, das die ganze Welt umfaßt." Schön, dass das neue Buch von Rainald Goetz 864 Seiten hat. Damit umfasst es mindestens zwei ganze Welten oder eine doppelte Welt: die Welt, wie Rainald Goetz sie sieht, und dann noch die Welt, die Rainald Goetz ist. "Das Problem ist doch: wenn man weiß, wie es läuft, erlahmt die Lust zuzuhören, weiterzulesen, schon schlummert die Aufmerksamkeit ein. Sekunden später wacht man auf: es NERVT": Das erkennt der Autor erst nach dreihundert Seiten, also nachdem er die Romangrenze überschritten hat.

          Kurz davor hatte er aussichtsreiche Fernsichten: "Das, was für die alte Bundesrepublik etwa Hans Magnus Enzensberger und Adorno erledigt haben, bringt heute also, - minimale Übertreibung, aber im Prinzip stimmts -, Harald Schmidt unter die Leute." Das ist schön provokant und gut beobachtet: ". . . er hat das alles immer gehört, erfaßt, gewogen auf der Sprach-Groteske-Waage. Und dann wird es genüßlich verwurstet in der Show. Er kommt sozusagen von der phonetisch-poetischen Aufmerksamkeit des Gedicht-Worts her." Donnerwetter! So hatte man das bisher noch nicht gesehen. Und es geht noch einen Schritt weiter: "Harald Schmidts Auftritte handeln von diesem Wissen über die mediale Welt, und bringen es täglich neu, ohne es auszubreiten, in Populargestalt zur öffentlichen Anwendung." Damit ist ein Stichwort gefallen, um das Rainald Goetz kreist: die mediale Welt, eine Welt ohne die verbohrten Inhaltisten und sturen Inhaltäre, eine Welt im Werden, im Jetzt.

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