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Rezension: Belletristik : Pandora mit Zigarrenkiste

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Blick auf die Berge: Bradford Morrows Roman "Giovannis Gabe"

          Eine Zigarrenkiste, versehen mit dem Bild einer braunäugigen Schönen und dem Siegel der amerikanischen Steuerbehörde - überzeugt sie uns als moderne Büchse der Pandora? Aber es geht dem jungen Amerikaner Bradford Morrow nicht um eine Nichtraucherkampagne. In diesem Buch, das die Zigarrenkisten auf dem Umschlag trägt, wird stark und bedenkenlos geraucht.

          Mit der Büchse der Pandora immerhin ist es Morrow Ernst. Als guter Amerikaner kennt er die alten Mythen allerdings so, wie sie vor hundertfünfzig Jahren Nathaniel Hawthorne in seinem "Wunderbuch" den Kindern von Tanglewood erzählt hat. Die Geschichte, die er zu erzählen hat, ist "nichts anderes als die Chronik kleiner Eifersüchteleien und Kämpfe, individueller Konflikte im kurzen Dasein des einzelnen Menschen", und die sind für ihn im gleichen Maße Ausdruck "menschlicher Verworfenheit und Niedertracht", wie sie "an den großen und berühmten Schauplätzen von Krieg, Revolution, Knechtschaft und Rebellion überall sonst auf der Welt zutage tritt". Der Satz ist Morrows Moral für sein Buch und steckt zugleich auch dessen Grenzen ab.

          Denn wohl ereignet sich das, was uns da erzählt wird, im amerikanischen Alltag der vergangenen drei Jahrzehnte, aber kein Hauch der aufgeregten Zeit dringt in die Einsamkeit von Ash Creek irgendwo in den Rocky Mountains, wo auch der Autor selbst residiert. Von Vietnam, dem arabischen Golf oder anderen Schauplätzen des großen Welt- und Nationalgeschehens weiß man hier nichts. Morrows Roman ist ein zutiefst privates Buch, so privat wie irgendein Kriminalroman, dem es allein um die Suche nach einem Mörder zu tun ist.

          Tatsächlich bildet ein Kriminalfall das erzählerische Rückgrat dieser Geschichte über den Inhalt einer Zigarrenkiste. Giovanni Trentas nämlich, ihr einstiger Besitzer, scheint vor Jahren ermordet worden zu sein. Konkurrenz zu Patricia Cornwells unappetitlichen Techno-Krimis entsteht hier freilich nicht. Erst dem vorsichtigen Beobachter, der eng in den Kreis der Handelnden verflochten ist, können zerrissene Zettel, eine Adlerfeder, ein Fetzen Zigarettenpapier ihr Geheimnis enthüllen und etwas über das unsichere Schicksal des einstigen Besitzers preisgeben.

          Einen solch aufmerksamen Beobachter nun hat Morrow in Grant Morgan gefunden, der Kindern von Diplomaten in Rom Englischunterricht gibt, ein bißchen übersetzt, bereits die zweite Scheidung um die Ohren hat und des dringend erwünschten Tapetenwechsels wegen derzeit Onkel und Tante in Ash Creek besucht. Die aber sind tief in die dortigen Intrigen verwickelt; eine seltsame Katzenmusik, die Unbekannte für sie boshaft zu nächtlicher Stunde veranstalten, ist Symptom dafür und ruft den Detektiv in Morgan auf den Plan.

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