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Rezension: Belletristik : Pärchen, Passanten

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Alice Munro deutet die rätselhaften Schrecknisse des Daseins

          Ehe, Liebe, Sexualität, fast immer aus weiblicher Sicht betrachtet, sind die Themen der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro. Sie macht daraus jedoch keine "Frauenliteratur" im einschränkenden Sinn. In ihren Erzählungen entwirft sie Lebenspanoramen, die ihre Dynamik dadurch gewinnen, daß die drei Elemente nicht miteinander harmonieren wollen. Neigte sie in früheren Büchern dazu, mal der Ehe, mal der Liebe das Wort zu reden, so zeigt ihr neuer, im Original 1994 veröffentlichter Band das Liebeskarussell als eine Maschine, die nur Sinnlosigkeit produziert. Auch in diesen Erzählungen verlieben sich Menschen, heiraten oder lassen sich verheiraten, fliehen voreinander, laufen hintereinander her und suchen erneut. Das Resultat, wenn es erträglich ist, lautet dann: "Wir sind sehr glücklich geworden. Ich habe mich oft sehr allein gefühlt. Es gibt in diesem Leben immer etwas zu entdecken. Die Tage und die Jahre sind in einer Art Schlummer verflossen. Im ganzen bin ich zufrieden."

          Die fünf Sätze stehen in der Erzählung "Die albanische Jungfrau", wo ein seltsames, offenbar in Gelassenheit und innerer Souveränität lebendes älteres Paar an eine jüngere Frau gerät, die den "Wirrwarr von Liebe und Verzweiflung, Betrug und Selbstinszenierung" noch nicht hinter sich hat. Der Text ist ein Beispiel für Munros diskrete, mit kleinsten Spannungselementen arbeitende Kunst. Ein einziger Satz - "der Rest ist nicht mehr von Interesse" - taucht die Erzählung in ein völlig neues Licht. Und wie immer bei dieser Erzählerin, deren Element die längere Erzählung, nicht der Roman ist, sind das Aufregende die "Löcher", das nicht Mitgeteilte, das nur Angedeutete. In der "Albanischen Jungfrau" ist es der Kontrast zwischen den banalen Problemen der jüngeren und der höchst abenteuerlichen Lebensgeschichte der älteren Menschen, welche die alte Frau abwehrend als ein "Filmskript" ausgibt.

          Nie setzt Alice Munro auf äußere oder gar exotische Effekte. Zwar gibt es auch in diesem Band schreckliche Begebenheiten, doch immer weisen sie auf die rätselhaften Schrecknisse des Daseins überhaupt hin. In der Erzählung "Bilder" gerät ein Arbeiter in einem Sägewerk so unglücklich in eine Maschine, daß ihm der Kopf abgeschnitten wird. Der Arbeiter hatte als Soldat mit einer Bibliothekarin eine Brieffreundschaft unterhalten, die bis zur Liebeserklärung gedieh. Warum hatte er verschwiegen, daß er bereits verlobt war? Nach seiner Rückkehr heiratet er seine Verlobte, kommt aber regelmäßig, doch unerkannt in die Bibliothek. Alice Munro macht aus dem Stoff kein Rührstück, sondern, aus wechselnden Perspektiven erzählt, einen der stärksten Texte des Bandes. Die Geschichte mündet in eine unerwartete Eheschließung, wobei die zufällige Beziehung zwischen dem Bräutigam und dem getöteten Arbeiter eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

          Die Ehe, wie unvollkommen sie auch sei, gilt vielen dieser Frauen als das Ideal menschlicher Beziehungen. "Freunde haben ist gut und schön" heißt es in der Erzählung "Ein richtiges Leben", "aber verheiratet ist verheiratet." Die Sprecherin, die es wissen muß, bringt ihre Freundin durch eine kleine Lüge dazu, ihre mit viel Aufwand geplante Hochzeit nicht im letzten Moment abzublasen. "Die Ehe holt dich aus dir heraus", sagt sie, "und versetzt dich ins richtige Leben", obwohl sie im stillen hinzufügt: "Wenn Frauen wirklich Bescheid wüßten, würde keine jemals heiraten." Das Schreckliche, an das sie denkt, sind die sexuellen Wünsche der Männer.

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