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Rezension: Belletristik : Operation Tunnelblick

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Wie bedroht muß ein Leben sein, welche Hoffnung muß sich an die Krankenhausmedizin knüpfen, daß sich für die Patientin die Pflegerin zur mythologischen Gestalt verklärt? In Christa Wolfs neuer Erzählung "Leibhaftig" spielt eine Anästhesistin die entscheidende Rolle: "Die stille, namenlose Nachtschwester ...

          Wie bedroht muß ein Leben sein, welche Hoffnung muß sich an die Krankenhausmedizin knüpfen, daß sich für die Patientin die Pflegerin zur mythologischen Gestalt verklärt? In Christa Wolfs neuer Erzählung "Leibhaftig" spielt eine Anästhesistin die entscheidende Rolle: "Die stille, namenlose Nachtschwester hat Hilfe bekommen, eine dunkle junge Frau geht ihr zur Hand." Sie heiße Kora Bachmann, sagt sie, was die Patientin sofort kommentiert: "Beziehungsreicher Name" - ein deutliches Signal an den Leser, und das in mehrfacher Hinsicht: Im Werk der Ingeborg-Bachmann-Verehrerin Christa Wolf ist der Nachname der Anästhesistin kaum zufällig gewählt, und der Vornamen legt, zumal in der manierierten Schreibweise mit "K", ein Deutungsmuster fest, das den Text bis zum Ende hin prägen wird. Die Ärztin, deren ungewöhnliche Schönheit "in ihren leichten, fast scheuen Bewegungen" liegt, ist "mädchenhaft, lebhaft, gewissenhaft" und, kaum verhüllt, eine Persephone- oder Kore-Gestalt: in der griechischen Mythologie die Gattin des Totengottes Hades, die einen Teil ihrer Zeit unter den Lebenden, den anderen unter den Toten verbringt. Kora Bachmann obliegt es, die Patientin auf ihren Wegen zwischen Tod und Leben zu begleiten, sie in den Hades zu führen - und vor allem wieder zurück.

          Christa Wolfs Erzählung handelt vom langen Krankenhausaufenthalt einer aufs äußerste bedrohten Frau. Der Text ist unverhohlen autobiographisch fundiert: Die Schriftstellerin verbrachte 1988 - das Jahr, in dem die Erzählung spielt - einige Monate im Schweriner Krankenhaus, als sie nach einem Blinddarmdurchbruch insgesamt fünfmal operiert werden mußte. Als Ausgangssituation für eine Erzählung ist dies im Werk Christa Wolfs nichts Neues: Erinnerungen aus dem Krankenbett an das Leben draußen gaben schon die Struktur für "Der geteilte Himmel" und zahlreiche andere Texte Wolfs vor. Doch in "Leibhaftig" steht nicht die Außenwelt, sondern die Krankheit im Vordergrund, die im "Geteilten Himmel" kaum mehr als Staffage war.

          Hier aber, das ist auf jeder Seite zu spüren, wird es ernst, hier geht es um Leben und Tod. Im Zentrum steht der Körper der Patientin, der nicht mehr laufen oder auch nur schlucken kann, der im Bewußtsein der Erzählerin nicht selten als so fremd wahrgenommen wird, daß sie sich gedanklich von der Leidenden abspaltet und distanziert über sie berichtet wie über eine Fremde. Der Preis für diese Erholungspausen von der Identifikation mit der Sterbenskranken ist freilich hoch: Sie werden erkauft mit einem schleichenden Verlust an Realitätswahrnehmung, als dessen Folge Phantasien und andrängenden Bilderfluten im Bewußtsein der Patientin breiter Raum eröffnet wird, bis hin zu der Gefahr, daß sich die Kranke in ihren wiederkehrenden Todesvisionen verliert.

          Für den Leser bedeutet diese Disposition allerdings einen erheblichen Zugewinn: Das Dahindämmern im Krankenhaus, die immer wieder auftretenden Fieberschübe, die langwierige Prozedur im Computertomographen, wo selbst das gleichmäßige Atmen verordnet werden muß, all dies wird in einem aufregenden Wechsel aus sachlicher Schilderung und phantasievoll verfremdeter Innenschau beschrieben, und die besten Passagen von Wolfs Erzählung finden sich in den faszinierenden Tunnelvisionen der Kranken, die sich durch endlose Kellergänge und düstere Verschläge in ein Totenreich der unverarbeiteten Erinnerungen träumt.

          Der Abstieg in die Unterwelt gilt zunächst der Krankheit; er ist dem Versuch geschuldet, herauszufinden, was das Leiden verursacht. Der Ertrag ist zunächst gering (und überdies aus anderen Texten Wolfs vertraut): "Nicht einmal staunen kann ich, daß ich hierher geraten mußte, auf den Boden dieses Schachtes, damit mir Sorgen und Mühen vergehen. Eine Ahnung will mir aufdämmern, als sei diese ganze aufwendige Veranstaltung aus keinem anderen Grund inszeniert."

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