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Rezension: Belletristik : Onkel Toms Zettelkasten

  • Aktualisiert am

David Bradley forscht in den Archiven des schwarzen Amerika

          3 Min.

          Es ist gerade erst hundert Jahre her, daß Frederick Douglass, wohl berühmtester schwarzer Sklave seiner Zeit, in den Vereinigten Staaten starb. Sein 1845 erschienener Lebensbericht über die Erfahrungen als Leibeigener und seine schließliche Flucht aus der Abhängigkeit hatten der Welt endgültig die Augen vor der teuflischen Verquickung von Geld, Gesangbuch (die gewaltsame Christianisierung der afrikanischen Sklaven ist ein furchtbares Kapitel für sich) und Rassenwahn geöffnet. Wenige Jahre später sorgte die wohlmeinend die Wirklichkeit rührselig verklärende Harriet Beecher-Stowe endlich für einen weltweiten Aufschrei der Entrüstung: "Onkel Toms Hütte" sorgte freilich auch für eine Reihe wohlig-trauriger Trivialmythen wie Margret Mitchells "Vom Winde verweht" oder George Gershwins "Porgy und Bess".

          Es dauerte lange, bis die ihrer Heimat und Identität beraubten Abkömmlinge Afrikas zu einer eigenen literarischen Sprache fanden. Zwar gab es seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert immer häufiger Erzählungen von literarischem Gewicht. Aber erst seit der Jahrhundertmitte trat mit Richard Wright, James Ellison oder James Baldwin eine afro-amerikanische Literatur von Weltrang hervor. Zuletzt hat Toni Morrison in ihrer ganz eigenen, melodisch-rhythmischen Sprache von der Geschichte ihrer Vorfahren erzählt und dafür den Nobelpreis erhalten.

          David Bradleys umfangreicher Roman um seine eigenen Wurzeln gehört in diese Tradition. Er erschien bereits vor fünfzehn Jahren in den Vereinigten Staaten, wurde mit dem Faulkner Award ausgezeichnet, blieb aber erstaunlich wenig beachtet. Man könnte den gewaltigen Umfang des Romans dafür verantwortlich machen, aber das ist gewiß nicht der einzige Grund. Als "ein Gospel auf das schwarze Amerika in der weißen Gesellschaft von heute" kündigt der Verlag die (bemerkenswert geschmeidige) deutsche Übersetzung an. Aber mit dieser religiösen Liedform der Schwarzen Nordamerikas teilt das Buch allenfalls eine historische Verwandtschaft.

          "Zwischenfall in Chaneysville" kann die Feder eines eloquenten Wissenschaftlers nicht verleugnen, der weniger auf Poesie und Emotionen denn auf korrekte Aufarbeitung setzt. Zwischen eine Rahmenhandlung von seiner Beziehung zu einer weißen Lebensgefährtin packt der Ich-Erzähler mit übergenauer Liebe zum Detail Erinnerung und Reflexionen. Akribisch beschreibt er seine Recherchen nach den verschlungenen Wegen seiner Vorfahren, ohne einen eigenen suggestiven Ton zu finden. Gewissenhaft folgt er den Spuren seiner Familie, ihren Gefährdungen als schwarzhäutige Außenseiter in einer feindlichen Umgebung. Er schildert die grausigen Umtriebe des Ku-Klux-Klan und zeichnet immer wieder von neuem die Konturen seines früh gestorbenen Vaters nach. Statt Figuren von innen her zu entwickeln, ihnen sublimere Schattierungen und poetisches Leben einzuhauchen, versteckt er sie hinter endlosen, ziemlich papierenen Dialogen wie hinter Stacheldraht. Oft spricht der Erzähler von seinem Zettelkasten; den meint man allzuoft vor sich zu sehen: unvermittelt gleitet die Erzählung in informative und kluge Sachbuch-Didaktik.

          Bradley ist ein scharfsichtiger, nüchtern-kühler, hochgelehrter Chronist seiner und seines Volkes Geschichte. Man glaubt ihm seine Qualen bei der Suche nach einer Form des Zusammenlebens mit einer weißen Frau, seine unheilbaren Verwundungen aus dunkler Vorgeschichte, aber auch seine souveräne Sachkenntnis. Aber je mehr man sich auf seine Exkursionen einläßt, desto mehr ermüdet man. Nicht die äußerst zäh voranschreitende Geschichte selbst ist es, die den Leser zu lähmen droht, sondern die gelassene, gelehrt-emotionslose Sprache und Dramaturgie des Erzählens, das Fehlen jeder poetischen Transzendenz.

          Bradleys umfangreiches Unterfangen, für das er am Ende seines Buches viele Namen und Universitätsarchive als Helfer und Quellen nennt, verdient Respekt und Anteilnahme. Jeder Vergleich mit Autoren wie Toni Morrison oder James Baldwin, den amerikanische Zeitungen offenbar schnell bei der Hand hatten, ist jedoch fehl am Platze: Hier erzählt eher ein sympathischer und rundum gebildeter Archivar als ein Romancier. Das macht seine Geschichte nicht weniger glaubwürdig - aber doch weniger lesbar. MATTHIAS WEGNER

          David Bradley: "Zwischenfall in Chaneysville". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Ammann Verlag, Zürich 1996. 620 S., geb., 58,- DM.

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