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Rezension: Belletristik : Nur Löwen weicht man besser aus

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Das Miteinander der Begriffe Afrika und Kinder in einem Satz löst geradezu reflexartig jene Art von Betroffenheit aus, die zu nichts verpflichtet. Deshalb ist jeder Versuch einer differenzierten Darstellung des Alltags auf dem Schwarzen Kontinent jenseits der üblichen Topoi - Seuchen, Kriege, Elend - grundsätzlich zu begrüßen.

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          Das Miteinander der Begriffe Afrika und Kinder in einem Satz löst geradezu reflexartig jene Art von Betroffenheit aus, die zu nichts verpflichtet. Deshalb ist jeder Versuch einer differenzierten Darstellung des Alltags auf dem Schwarzen Kontinent jenseits der üblichen Topoi - Seuchen, Kriege, Elend - grundsätzlich zu begrüßen. Daß Armut und Tod dabei keine Tabus sein müssen, zeigt Hermann Schulz in seinem Roman "Wenn Dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt". Er trägt seine Botschaft bereits im Titel, die ewige Weisheit der Afrikaner und die für diesen Kontinent so kennzeichnende Balance aus Ironie und Schicksalsfügung. Denn würde man von einem Löwen tatsächlich nach der Uhrzeit gefragt, wäre man unmittelbar in Lebensgefahr. Dann wäre der Löwe schon sehr, sehr nahe.

          Schulz ist in Tansania geboren, am Niederrhein aufgewachsen, er ist durch die Welt gereist und hat über mehr als drei Jahrzehnte einen Verlag geleitet. Man nimmt ihm ab, daß er das Leben kennt. Einiges von dieser Welt- und Menschenkenntnis ist in seine Jugendromane eingeflossen, in den schlichten und unverbrauchten Stil. Auch das neue Buch erzählt eine ganz einfache Geschichte. Der elfjährige Erzähler Temeo, der viel lieber Thomas genannt würde, wächst irgendwo im Osten Afrikas auf, in bescheidenen Verhältnissen, wie man aus der Ferne womöglich sagen würde; doch da er selbst keine anderen Verhältnisse kennt, würde er sich darüber nicht beklagen.

          Es ist die größte Kunst des Autors, dieses Leben im Kokon des afrikanischen Dorfkosmos sprachlich ganz unprätentiös als selbstverständlich darzustellen. So läßt sich auch das Ungeheuerliche, das in diesen Alltag einbricht, dramaturgisch plausibel entwickeln: der Unfall des Vaters, der eine Kettenreaktion von Ereignissen auslöst. Die Familie muß dringend Geld für die Behandlung auftreiben, und Temeo wird ausgeschickt, mit immer neuen Strategien, dem virtuos-atemraubenden Wirbeln mit Bitten, Forderungen und mitunter sogar einem Hauch von Betrug, Menschen, die selbst nicht viel haben, um Unterstützung anzugehen. Er ist erfolgreich, doch letztlich ist sein Vater nicht zu retten. Auch "Mister King", wie die Familie und alle im Dorf seit je diesen großen und klugen Mann nennen, muß sich den Regeln beugen. Das ist Temeos eigentliche Erkenntnis und zugleich die Quintessenz dieser anrührenden und wahrhaftigen Erzählung: Man muß lernen, sich ins Unvermeidliche des Lebens zu fügen - und dabei Würde bewahren.

          Einen anderen Weg, bittere Erfahrungen zu vermitteln, ist Tahar Ben Jelloun gegangen. In Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk Terre des Hommes hat der marokkanische Schriftsteller das Büchlein "Die Schule der Armen" verfaßt. Darin geht es um Staub und Armut in einem westafrikanischen Dorf, um Kapitalismus, Kinderarbeit und um die Hilflosigkeit des erzählenden Dorflehrers, der in der großen Stadt die Bindung an die heimatliche Scholle verloren hat, wie ihm der Dorfälteste in einer Schlüsselszene entgegenhält. Nun steht der Lehrer vor dem leeren Klassenzimmer und versteht die Welt nicht. Doch irgendwie siegt dann doch das Gute, die Zeit macht einen Satz ("zwei Jahre später"), und der Leser landet mitten in der Moral. Sie reicht über zwölf Seiten, es ist das Finale, mit Pauken und Trompeten, aber irgendwie auch ganz traurig, so daß man richtig wütend ist, wenn man das Buch aus der Hand legt.

          Das ist der Höhepunkt von Ben Jellouns Erzähltechnik bloßer Behauptungen. Was das Schlimmste sei im Leben, fragt der Lehrer seine Schüler und läßt nichts von dem gelten, was sie sagen. Der Tod? Nein, der sei natürlich. Krankheit? Die lasse sich heilen, zumeist jedenfalls. Hunger? Vielleicht, doch Schicksal sei das nicht. Ein Sandsturm? Der gehe vorbei. Gefährliche Tiere? Ihnen könne man ausweichen. So geht es weiter, immer weiter in diesem Mantra des didaktisch Gutgemeinten, das von Charley Cases einfältig-emblematischen Wasserfarbenbildern illustriert wird - als eindringliche Warnung vor dem Bösen. Dann endlich ist es heraus: Unwissenheit und Gleichgültigkeit, das sind die größten Geißeln der Welt. Man möchte "Ja, ja" rufen und unmittelbar ein besserer Mensch werden. Doch dann kommt einem womöglich ein besseres Buch dazwischen.

          ANDREAS OBST

          Hermann Schulz: "Wenn Dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt". Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2002. 127 S., geb., 11,- [Euro]. Ab 10 J.

          Tahar Ben Jelloun: "Die Schule der Armen". Aus dem Französischen übersetzt von Christiane Kayser. Mit Illustrationen von Charley Case. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2002. 95 S., geb. 14,90 [Euro]. Ab 10 J.

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