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Rezension: Belletristik : Nur die Zimmerdecke leiht ihr offenes Ohr

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Triumph einer Trilogie: Der portugiesische Schriftsteller José Saramago hat auf einer großen Lesetournee sein meisterhaftes Werk "Die Höhle" vorgestellt, den ersten Roman nach dem Nobelpreis

          5 Min.

          MADRID, im Januar.

          Stellen wir uns Franz Kafka als Zeitgenossen vor. Gewiß wäre er berühmt, vielleicht hätte er sogar den Nobelpreis erhalten. Aber auch wenn er es ablehnen würde, in der "Harald-Schmidt-Show" aufzutreten - um eine öffentliche Präsentation seines neues Buches käme er nicht herum. Er würde den Rummel der Fotografen und Journalisten über sich ergehen lassen, ein Podium besteigen, wo drei Gesprächspartner seiner harrten, und auch das musikalische Vorspiel (Geige und Klavier) gleichmütig ertragen. Dann aber müßte Kafka von seinem neuen Roman sprechen, den Mitarbeiterinnen seines Verlags soeben an die Journalisten verteilt haben, und was dann? Wie würde er sein Werk zusammenfassen und in eine zitierbare Meinung verwandeln? Würde er erklären, daß er Bürokratien nicht mag? Für mehr Verständnis in der Familie werben? Würde er eine gerechtere Justiz fordern oder Solidarität mit Landvermessern?

          Etwas Vergleichbares passiert in diesen Tagen dem Kafka-Bewunderer José Saramago. Kaum lag sein neuer Roman "A caverna" (Die Höhle; erschienen bei Editorial Caminho, Lissabon), sein erstes Werk nach der Zuerkennung des Nobelpreises vor zwei Jahren, in den Buchläden, begann für den achtundsiebzigjährigen Portugiesen ein Werbemarathon von furchterregenden Ausmaßen. Die ersten Stationen: Portugal, Moçambique, Angola, Brasilien. Dann kam auch schon die spanische Übersetzung heraus, angefertigt von seiner Frau Pilar del Río ("La caverna", Alfaguara), worauf der Autor nach Argentinien und Peru weiterreiste und schließlich nach Spanien zurückkehrte, um sich in Madrid, Barcelona, Bilbao und Saragossa zu zeigen. Es war in Madrid, beim Büchersignieren vor Hunderten von Lesern, daß der geduldige, stets höfliche Saramago von den nächsten Stationen der Werbetournee erzählte: Rom, Paris, Mexiko-Stadt.

          Die Verlagswelt verlangt von Autoren, daß sie als Darsteller ihrer selbst Meinungen produzieren und nichts dabei finden, sie bis zum Überdruß zu wiederholen. Auch Saramago macht gute Miene zum öden Spiel und läßt sich der Öffentlichkeit als zuverlässig ideologiekritisches Verlautbarungstier präsentieren. Sein Werk bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Denn nichts, was der Nobelpreisträger gegen Globalisierung und den Kapitalismus als solchen sagte, läßt sich als "Botschaft" seines Romans ausgeben, sowenig wie Kafka auf die Ehrenmedaille der Landvermesser-Innung hoffen durfte.

          José Saramago, schrieb die spanische Presse, habe mit seinem Roman Platons Höhlengleichnis aktualisiert. Gütiger! Saramago hat nichts dergleichen getan. Man braucht keine Zeile Platon zu kennen, um die Geschichte des Töpfers Cipriano Algor zu verstehen. Cipriano Algor ist vierundsechzig, Witwer und spürt schon das Alter in den Knien. Von dem kleinen Dorf aus, in dem er mit seiner Tochter Marta wohnt, beliefert er ein gigantisches Einkaufszentrum in der dreißig Kilometer entfernten Stadt. "Das Zentrum", wie das Großkaufhaus genannt wird, in dem Privilegierte auch wohnen dürfen, ist sein einziger Kunde.

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