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Rezension: Belletristik : Nur der Traum heilt alle Wunden

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Ein Meisterstück der Erzählkunst: William Maxwells früher Roman · Von Gerhard Schulz

          4 Min.

          Die erste Überraschung dieses Buches ist die Entdeckung, daß es existiert. In den großen literarischen Lexika und Literaturgeschichten selbst seines eigenen Landes wird der Amerikaner William Maxwell entweder gar nicht oder nur mit einer kurzen Notiz bedacht. Seine Anfänge in den dreißiger Jahren erscheinen tatsächlich schmal und bescheiden gegenüber jener Galaxie nordamerikanischer Literatur, die damals zu strahlen begann. Ihren internationalen Ruhm hat er nie geteilt - angesichts von Dos Passos' sprachlichem Großstadtdschungel, Faulkners Südstaatentragödien zwischen den Rassen, Henry Millers Orgien der Wendekreise oder Hemingways Europa-Romantik waren Stoff und Ton seiner frühen Bücher nicht dazu angetan, mitzuleuchten. Die alltäglichen Konflikte kleiner Leute irgendwo im mittleren Westen, meist aus der Kindheitsperspektive betrachtet, täuschten Beschränktheit vor, wo in Wirklichkeit an die Fundamente aller Existenz gerührt wurde.

          Still und privat in seiner Traurigkeit erscheint insbesondere dieser nach einem Vers von Yeats benannte Roman "Sie kamen wie die Schwalben" von 1937, der jetzt endlich auf deutsch vorliegt. Maxwell, der im vergangenen Jahr zweiundneunzigjährig starb, hat ihn im Alter noch einmal überarbeitet; es war ein Buch aus der Mitte seines Herzens, die Geschichte eines Kindheitstraumas, von dem er sich sein Leben lang nicht befreien konnte und wohl auch nicht wollte. Überall in seinem Werk stößt man auf Spuren davon. Was er da mit 24 Jahren niedergeschrieben habe, werde bis in den Tod hinein nicht aufhören, ihn zu erschüttern, bekannte er 1959. Damals "ging ich die meiste Zeit auf und ab und bildete im Kopf Sätze und wischte dann mit der Hand meine Tränen weg, damit ich die Tasten der Schreibmaschine sehen konnte", heißt es nun im Vorwort der revidierten Ausgabe des Romans.So viel Mangel an Distanz des Autors gilt zwar gemeinhin nicht als günstigste Vorbedingung für ein Kunstwerk; hier jedoch gelingt ein geradezu magisch schönes Buch.

          Maxwell hat selbst auf Anregungen für den verhaltenen Ton seines Erzählens verwiesen. Durch Proust-Lektüre und besonders durch Virginia Woolfs Roman "Fahrt zum Leuchtturm" von 1927, also durch die Geschichte von Familie Ramsays versuchtem Ausflug an die See und von Mrs. Ramsays Tod, sei er vor allem inspiriert worden. Hinweise auf "Intertextualität" dieser Art mögen das Verständnis fördern, vorausgesetzt daß man dem fertigen Gebilde die Quellen und Absichten nicht mehr anmerkt. Maxwells Bekenntnis dieser literarischen Ahnenschaft macht deutlich, daß sein Buch geschärfter Augen und eines geschärften Gehörs bedarf. "Bunny wurde nicht sofort ganz wach. Ein Geräusch (was es war, wußte er nicht) traf auf der Oberfläche seines Schlafs auf und sank wie ein Stein hinein. Sein Traum machte sich davon und ließ ihn wach und gestrandet in seinem Bett zurück." Ein Buch, das mit diesen Sätzen beginnt, saugt sich fest, wenn man nur zuzuhören bereit ist.

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