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Rezension: Belletristik : Notausgang für Märtyrer

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Anne Duden zähmt das Wimpertier / Von Heinrich Detering

          7 Min.

          Karl Kraus war auch so ein Spaßverderber. "Wenn Sie noch nicht erkannt haben, daß Sie durch ihre Geburt in eine Mördergrube geraten sind", fährt er 1921, angesichts von Verharmlosungen des Weltkriegs, seine Leser an: "dann hol' Sie der Teufel." Anne Duden ist entschieden höflicher und leiser, aber ein Motto ihres Schreibens könnte dieser Bannfluch schon abgeben. Seit ihren ersten Erzählungen Anfang der achtziger Jahre ist diese Schriftstellerin ein Kind von Traurigkeit gewesen, beharrlich im Erinnern an die Bestialität unterm nett geordneten Alltag, an Verbrechen und Verwesung, an Krankheit und Angst und das Unerhörte des Sterbens. Ihre konkreten Phantasien von Zerstückelung und Vernichtung haben in den wenigen Bänden, die sie bisher veröffentlicht hat, eine Sprache gefunden, deren Bildkraft, Strenge und Intensität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beispiellos sind. Zuletzt vor zwei Jahren, in dem Gedichtband "Steinschlag", hat sie unsere Alltagswelt als ein Sprachgewitter inszeniert, als einen Albtraum vom verschwiegenen Sterben und vom unglücklichen Leben.

          Wer diese eindringliche Stimme bisher überhört haben sollte, kann das Versäumte jetzt nachholen. Gleich mit zwei schmalen Bänden ist Anne Duden nun auf einmal zu hören. Der eine, "Wimpertier", versammelt in chronologischer Folge Prosa und Gedichte, die in den letzten zehn Jahren verstreut publiziert worden sind. Nicht, wie in solchen Fällen üblich, ein Zettelkasten des Liegengebliebenen für einige Fans, vielmehr eine Sammlung, die auch The Best of . . . heißen könnte. Hier finden sich Meisterstücke im Miniaturformat, die Neugierigen auf ein paar Seiten klarmachen könnten, was an dieser Dichterin so aufregend ist: der einleitende Prosatext "Fleischlaß" etwa, das gespenstische Protokoll einer psychophysischen Zerstörung, oder das titelgebende Prosastück über das Auge, das große, gallertige "Wimpertier".

          Was ist es, das diese schrecklichen Texte so anziehend macht und die Lektüre zu einem Parforceritt, an dessen Ende man erstaunt und entsetzt zurückblickt? Vielleicht ist es das sonderbar Prosaische ihrer Poesie, die so gelassen scheint, weil sie soviel Schreckliches hinter sich hat. So akkurat und leger beschreibt sie das Grauenhafte, daß man manchmal erst auf halber Strecke begreift, in welchem Schreckenskabinett man sich befindet, mit einer fast altmodischen Höflichkeit führt sie uns durch die Strafkolonien des Alltags.

          "Wimpertier" ist ein Rückblick, eine poetische Summe. Was aber in dem gleichzeitig erschienenen Band "Der wunde Punkt im Alphabet" geschieht, ist neu. Zumindest für alle Nichtleser der "Basler Zeitung", in der die meisten dieser siebzehn Kolumnen seit 1989 erschienen sind. Ja, tatsächlich: Kolumnen. Ausgerechnet in jenem journalistischen Genre, das Onkel Max vergoldet hat, äußert sich diese Schriftstellerin "über die Musik Carlo Gesualdos", über den Feierabendstau in London (wo sie seit vielen Jahren lebt), notiert Mitteilungen aus schlaflosen Nächten, aus der Kurklinik, Ansichten von den Nachtseiten dessen, was sie "das schöne Leben" nennt.

          Inmitten von Stadtteil-, Kultur- und Straßenfesten, zwischen den Sprachwelten von Knabberspaß und fit-for-fun, in denen "immer alles klar ist", inmitten dieser lustigen Welt schreibt Anne Duden "Im verlorenen Ton". Diese Überschrift benennt nicht nur die Trauer, die, wie im so überschriebenen Text, mitten im Tage unverhofft von Körper und Seele Besitz ergreifen kann, oder das Erschrecken beim Stocken der U-Bahn, wenn "irgendwo die unmenschlichen Überreste eines Menschen von den Gleisen gelöst" werden, oder die stumpfe und stumme Verzweiflung der im florierenden Kurbetrieb "vollgestopften und ausgelieferten Körper". Mit solchen "Ton"-, nämlich Melodie-Angaben überschrieben auch die Sänger-Dichter des Mittelalters ihre Texte. Und tatsächlich handelt es sich hier, im Kolumnen-Titel, um ein verdecktes Zitat aus den dunklen Versen des Heinrich von Meißen, alias "Frauenlob", aus dem vierzehnten Jahrhundert.

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