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Rezension: Belletristik : Norma, Leda, Ikarus & Co.

  • Aktualisiert am

Papp-Space: Siebenmal siebzig Seiten Science-fiction bei Eichborn

          3 Min.

          Sie heißen alle Leda. Fast alle. Das kleine Mädchen, das sich durch Zoran Drvenkars "Alte Stadt" schlägt; die hoffnungsvolle Jungautorin in Kathrin Schmidts "Sticky Ends", die sich mit einem Auftragsmanuskript herumquält; das Kind, das mit seiner Zwillingsschwester um Michael Wildenhains "Wieland, den Meister" wirbt; die Freundin eines Forschers, der Knut Stangs "Revier" einverleibt wird. Und Tobias O. Meißners Heldin Darina schreibt gerade an einem Essay über ein Raumschiff, das die Science-fiction-Variante des Leda-Mythos verkörpert, derweil Andreas Möhns Astronautin Leda in "Die Reiter des Mars" auf dem roten Planeten einen Meteoriten-Einschlag überlegt. Ansonsten haben die sieben Hefte à siebzig Seiten im Perry-Rhodan-Format, die der Eichborn Verlag unter dem Titel "Countdown läuft..." in eine Pappkassette gepackt hat, so viel miteinander nicht zu tun. Immerhin, ganz abgesehen von den frei flottierenden Schwänen, von den Ledas, Delas und Adels, die diese Hefte bevölkern, klammert sie eins noch zusammen, die sieben Zwergromane der sieben Autoren, die in Zusammenarbeit mit der Berliner Millennium-Ausstellung "Sieben Hügel - Bilder und Zeichen des einundzwanzigsten Jahrhunderts" entstanden sind: Sie alle erzählen klassische Science-fiction-Phantasien des zwanzigsten Jahrhunderts, vom Big-Brother-Auge über das Computer-Hirn bis zur Sex-Bürokratie.

          Für den Countdown haben die beiden Herausgeber Bodo-Michael Baumunk und Thomas Wohlfahrt drei preisgekrönte Sci-fi-Profis, drei preisgekrönte Schriftsteller und einen "Underground-Autor" aufgetan: Zoran Drvenkar, Andreas Möhn und Knut Stang einerseits, Kathrin Schmidt, Marlene Streeruwitz, Michael Wildenhain und Tobias O. Meißner andererseits. Schon unter den Profis schaut die Zukunft recht unterschiedlich aus der Wäsche - schön freilich, schön ist sie nie. Da reiht sich beispielsweise in einem gigantischen Weltall-Knast Wabe an Wabe, winzige Reviere mit einem Stuhl, einer stählernen Versorgungseinheit, aus der manchmal etwas Wasser tropft, manchmal etwas Nahrung quillt: Spielfeld für ein paar verrückte Psychologen, Todesfälle selbst für ihre schlausten Gefangenen. Karg, aber bitterböse beschreibt Knut Stang, Historiker und einstiger Mitarbeiter der War Crimes Sect. des kanadischen Justizministeriums, wie Mensch sich an Mensch vergreift: "Das Revier" ist ein genialer Thriller über die ganz normale Gemeinheit aller gegen alle, die unter Laborbedingungen besonders giftige Blüten treibt. Und es ist einer der beiden gelungensten Texte in der "Countdown läuft"-Reihe: streng, spannend, scharfsinnig.

          All dies läßt sich von "Die Reiter des Mars" des Sci-fi-Kollegen Andreas Möhn nicht sagen, einem Heft wie ein Script für ein Hollywood-Armageddon, nur noch weniger kurzweilig. Die astrophysischen Details mögen zwar alle stimmen - der ehemalige Max-Planck-Ingenieur Möhn hat seine Quellen minutiös angegeben -, aber wer hat schon Lust auf stilistisch fragwürdige Vorlesungen voller Lebensraum-Pathos? Der Mensch werde ins Weltall gehen, "weil er begriffen hat, daß er gehen muß. Wie er einst Ostafrika verließ, weil sein Lebensraum zu klein und zu gefährdet war, so wird er auch die Erde verlassen. Und er wird es nicht bereuen, gegangen zu sein."

          Die gelernten Schriftsteller dagegen tun sich bisweilen mit dem Genre etwas schwer: Um die Chose zu intellektualisieren, werden Eschersche Schleifen geschlungen - Kathrin Schmidts Leda etwa schreibt eine SF-Auftragsarbeit, die sich als ihre eigene Zukunft entpuppt ("Sticky ends") -, wird intertextuelles Patchwork gepflegt, von der Nibelungensaga und Bibel-Fragmenten über Ikarus-Referenzen bis zu Rilke-Zitaten ("Wieland der Meister"). Da gehen wir doch lieber mit auf den großen Tauchgang im ultimativen Computerspiel Reference, auf den Tobias O. Meißner seinen Helden in "Nerverwake" schickt - eine schlichte, klare Sache.

          Da reisen wir doch lieber mit dem Sex-Klon Norma durch eine Welt, in der Kameras alles sehen und nichts verstehen: Marlene Streeruwitz' "Dauerkleingartenverein ,Frohsinn'" ist eine Art Road Movie aus postuterinen Zeiten oder, wie die Autorin untertitelt, "a gothic SF-Novel". Jedenfalls ein Text, der hält, was der Verlag verspricht: literarische Qualität und futuristische Unterhaltung. Ironie und Schauer. Der Countdown ist abgelaufen, und wenigstens Marlene Streeruwitz ist mit ihrer Norma angekommen - irgendwo in den Armen von Mama-san, die eigentlich ein Mann ist und tot noch dazu; irgendwo in einer spöttischen Ode auf den Feminismus, einer kühlen, geschliffenen Auftragsarbeit, die nicht von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen, will sagen: Hügeln, gemacht ist. Insgesamt aber bleibt der "Space-Karton" - die Eichbornsche Pappkassette - doch das spacigste Ingrediens dieser Reihe.

          ALEXANDRA M. KEDVES

          Bodo-Michael Baumunk und Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): "Countdown läuft... Sieben Hefte mit Zukunft". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000. Sieben Hefte à 70 S., br., 49,80 DM.

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